Jahrgang 
01-12 (1867)
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Das Meib des Karaiten.

Novelle von M. Ben Aron.

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Heute, wo der Verkehr durch die vielen Eiſenbahnen ſo unend⸗ ich erleichtert iſt, verlieren die Provinzialſtädte vollſtändig den ihnen iigenthümlichen Typus; denn die Provinz oder vielmehr das ſ. g. Provinzielle verſchwindet von Tag zu Tag mehr, da es einem jeden o überaus leicht wird, in der gewöhnlich nur ſtundenweit entfernten Hauptſtadt ſich gar ſchnell nicht allein ein neues Aeußere, ſondern nuch ein neues Innere zu verſchaffen.

Sowohl Kleidung als Meinung ändert man in kurzer Zeit in Her Hauptſtadt, und wenn ein Provinzialſtädter nach kurzem Aufent⸗ hfalte daſelbſt wieder nach Hauſe zurückkehrt, iſt er für die Seinen oft aum wieder erkennbar. So iſt es heute; aber vor einigen zwanzig Jahren, wo man in einer kleinen Pommerſchen Stadt von einem Nenſchen erzählte, daß er in Berlin geweſen ſei, war es ganz an⸗ ſers, und jene Städte hatten einen Typus, der jetzt völlig verloren ſt und der ſich kaum in der dunklen Exinnerung der ſchon dahin⸗ chwindenden Generation erhält.

Das Städtchen Ragiwen ſollte am Anfange der vierziger

Jahre ſchon 1500 Seelen zählen, obgleich manche böſe Zunge be⸗ auptete, daß der Herr Bürgermeiſter, um ſich eine gewiſſe Wichtig⸗ eit zu geben, wenigſtens anderthalb Seelen für jeden Einwohner echne, jedoch, da damals noch keine ſtatiſtiſche Commiſſion beſtand, o mußte man dem Herrn Bürgermeiſter aufs Wort glauben, obgleich s leicht geweſen wäre, ſeinSagen zu verificiren. Die ganze Stadt nämlich beſtand aus einer einzigen Straße und wenn man ich die Mühe hätte geben wollen, wäre es ein Leichtes geweſen, von Haus zu Haus zu gehen und die Einwohner zu zählen; ſelbſt dies däre nicht einmal nothwendig geweſen, denn jeder Bewohner wußte icht allein genau, wer in dieſem oder jenem Hauſe wohnte, ſon⸗ ꝛern konnte auch über jeden die genaueſte Rechenſchaft geben, vom kage ſeiner Geburt an bis zum vorhergehenden, von dem er wußte, das das betreffende Individuum an demſelben zu Mittag ge⸗ eſſen hatte!

Wir ſagten vorhin, daß Ragiwen nur aus einer einzigen lan⸗ en Straße beſtand, und um mit einem Schlage dem Leſer zu zeigen, n welchem primitiven Zuſtande ſocialer Unſchuld es ſich noch im An⸗

ange der vierziger Jahre befand, brauchen wir nur zu erwähnen, daß

ieſe eine Straße nach reiflicher Ueberlegung der Obrigkeit, Aedilen und vonoratioren, welche man zu Rathe gezogen, den Namen:Lange 5traße erhielt!

Man erzählt doch wir können es nicht verbürgen daß inige Zeit nach dieſer denkwürdigen Namensverleihung ein durch⸗ eiſender Student gar viel den Vätern der Stadt nachzudenken ge⸗ eben habe; denn als er ein ſchönes Schild las, welches die Autori⸗ äten an jeder Ecke der Straße hatten anſchlagen laſſen, fragte er, voo denn diekurze Straße wäre da nach guter Logik eine pecielle Benennung von etwas Langem dieſes im Gegenſatze zu twas ſpeciell Kurzem vorausſetze. Der verlegene Bürgermeiſter, von dieſer großen Wahrheit mit einem Male durchdrungen, hatte nach inigen Tagen Nachdenkens den Entſchluß gefaßt, er wolle eine kurze Straße um jeden Preis haben, und eben ging er daran, ſich darüber nit den beſagten Autoritäten zu einigen, als ihm einfiel, daß von der angen Straße aus zwiſchen einem Hauſe und dem andern ein Zwiſchenraum exiſtire, welcher zum Marktplatze führte. Da dieſer Gang die verlangte Eigenſchaftkurz auf jede Art rechtfertigte, ſo bedurftees nur des dictatoriſchen Ausſpruchs der Obrigkeit, um den Gang zur Straße umzutaufen und ſo entſtand denn im Frühjahr des Jahres 84* im Städtchen Ragiwen in Hinterpommern zur großen Freude dr angeblichen 1500 Seelen eine zweite Straße.

Man hat de uden ſehr oft und unſerer Meinung nach nicht mit Unrecht de Mangel an Patriotismus vorgeworfen. Wir wollen dieſen Punkt davingeſtellt ſein laſſen, nur müſſen wir zu⸗ geben, daß jenes denkwürdig Ereigniß der Gründung einer zweiten Straße, welches die Bruſt eine jeden Ragiweners mit Wohlbehagen und Stolz exfüllte, einen Bewohner ſogar eine ganze Familie vollſtändig kalt ließ, und daß dieſe Familie, welche ihren Mangel an bürgerlichem Enthuſiasmus ſo offen an den Tag legte, gerade jüdi⸗

ſchen Glaubens war. Wir müſſen ſogar noch einen erſchwerenden Umſtand anführen, nämlich, daß das Haus, welches dieſe Familie be⸗ wohnte, gerade die Ecke der langen und kurzen Straße bildete, und daß das blaue Schild mit weißen Buchſtaben, welches man in Stargard hatte malen laſſen, eben an dem Hauſe, das dieſe theilnahm⸗ loſe Familie bewohnte, befeſtigt wurde.

Niemand jedoch im ganzen Städtchen, weder Chriſt noch Jude, hatte die geringſte Bemerkung darüber gemacht, daß im Hauſe Iſaac Bent⸗ heims niemand am Fenſter erſchienen war, als der einäugige Stadtdiener die Leiter angeſetzt hatte, um das Schild zu befeſtigen. Im Gegentheil, es ſchien allen in der Ordnung, daß es ſo ſei man ſchien voll⸗ ſtändig zu begreifen, wie die Bewohner des Hauſes heute dermaßen mit ſich zu thun hätten, daß das öffentliche Leben für ſie ver⸗ ſchwunden war.

Hören wir zu, was man draußen ſpricht, vielleicht werden wir erfahren, warum man drinnen ſich ſo wenig um die Außenwelt be⸗ kümmert...

Weißt Du, ſagt ein Mann, der hoch in den Dreißigern zu ſtehen ſcheint, zu einem etwas jüngeren, der, wie er, den jüdiſchen Typus auf dem Geſichte trägt,daß ſich die Kinder wundern werden, wenn ſie werden ſehen das neue Schild!

Stuß!(Unſinn) antwortete der andere mit Achſelzucken,ſie werden haben geſehn in der Welt ſo viele Schilder und ſo viele Straßen, daß ſie es kaum bemerken werden, daß auch wir haben'ne neue Straße und ein neues Schild.

Biſt Du immer geweſen, Meier, erwiderte jener,ein Menſch, der will glles beſſer wiſſen, und wirſt es bleiben Dein Lebe⸗ V lang! Ich ſage Dir, obgleich die Kinder haben geſehn in der Welt Sachen und Dinge und Menſchen, wovon wir uns nicht können machen eine Vorſtellung, werden ſie doch ſehen und ſich freuen über alles, was iſt geworden ſchöner und beſſer in Ragiwen denn ſie ſind hier geboren und das Haus, wo ſteht angeſchlagen das neue Schild, iſt das Haus ihres Vaters!

Geh, geh, mit Deine Geſchichtchens, Abraham, ich möcht, ſchwören, daß...

Schwör nicht! man ſoll nicht ſchwören! aber ich will Dir ſagen noch mehr! ich will Dir wetten, daß der kleine Mendel, wo iſt nur geweſen einmal hier, wird erſtaunen und ſich freuen, daß iſt ä neues Schild an ſeines Großvaters Haus!

Der andere zuckt mit den Schultern; er ſcheint ſehr poſi⸗ tiver Natur zu ſein, und der Sentimentalismus ſeines Begleiters flößt ihm wenig Ueberzeugung ein.

Ein dritter, viel älter als beide andere, nähert ſich ihnen und alle drei ſetzen das angefangene Geſpräch fort.

Ich hab' geſchickt meine Tochter Sarah, ſagt dieſer,zu ſehn, ob ſie kann helfen im Haus bei Reb(Abkürzung von Rabbi) Iſaac, denn meine Tochter Sarah iſt geweſen ſechs Monat in Pyritz bei ihre Tante, und Pyritz iſt doch ſchon ä große Stadt!

Warum iſt Pyritz eine große Stadt? fragt Meier,ich bin geweſen in Pyritz und hab' nichts geſehen von'ne große Stadt, wie Stargard und Stettin. Pyritz iſt ä...

Laß gut ſein, unterbrach Abraham,nun? und hat Deine Tochter können helfen?

Heißt ä Frag? antwortete der andere, kennſt Du vielleicht die

Frau Mirjam Bentheim nicht? Ich glaube, wenn ſie nicht hätte ſo.

lieb meine Tochter Sarah, ſie hätte ſie geworfen hinaus aus dem Haus! Seit drei Tagen arbeitet ſie mit ihrer Schweſter dealten Beile, und deren Tochter Eſther, wie man hat nicht geſehn arbeiden in ſein Leben, und wenn man ſie fragt, ob man ihr kann helfen, wird ſie ärgerlich und ſagt, daß, wenn die Kinder kommen zum Beſuch, die Mutter allein muß beſorgen alles...

Heißt ä Stuß! ſagt Meier, mit den Achſeln zuckend.

Red nich! erwidert Abraham, indem er ihm einen unwilligen Blick zuwirft,von Reb Iſaac und ſeine Frau und ſeine Kinder und Kindeskinder muß man immer nur reden Gutes nieden, und man wird's thun, ſo lang ä frommer und guter Jüd' wird ſein auf der Welt!

Der andere zuckt wiederum mit den Schultern, was ſeine Lieblings⸗

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