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Das
Laternemäunche.
Erster Jahrgang.
Giessen, 21.&pril 1852.
Erscheint wöchentlich mal. Preiß für Stabt und in mit Bringerlohn monatlich 12 kr. Einzelne Nrn 2 Kr.
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Aus den Memoiren eines Klohes.
Schon die abenteuerliche Reiselust meines ganzen Geschlechts würde genügt haben den Ur- sprung dex nachfolgenden Mittheilungen zu er⸗ klären, aber mehr noch als diese waren es Ge⸗ burt und Erziehung, welche mich zu der nun zu beschreibenden Reise antrieben. Ich verlebte nem⸗ lich meine Kindheit und glückliche Jugend auf dem großen schwarzen Pudel eines deutschen Studen⸗ ten, und ihr, meine Leser, werdet es erklärlich
finden, daß ich mir im Verlaufe von 20 Jah⸗
ren sowohl von der Kühnheit als dem Wissens⸗ durst meines Oberherrn manches aneignete. So hatte ich denn schon lange die Absicht zur Ver⸗ vollkommnung meiner Kenntnisse auch den Men- schen einer gründlichen Uniersuchung zu unter⸗ werfen, und obgleich mir dazu der Uebergang auf den Herrn meines Pudels am nächsten gelegen häfte, so trank dieser so stark und rauchte so fürchterlich, daß es mir unmöglich war längere Zeit in größerer Nähe bei ihm zu verweilen. Doch hatte ich, auf eine Gelegenheit hoffend, mein Bündel gepackt, leicht, wie es einem wan— dernden Akademiker geziemt: ich studirte nemlich, wie mein Herr, die Heilkunde. Ein Fernrohr und einige gute Loupen, Barometer und Ther⸗ mometer waren so ziemlich seine Hauptbestand- theile. Doch denke Niemand etwa, daß ich hätte vorgehabt eine Geographie oder Metereologie des M eenschen zu schreiben, denn an keinem Thiere, geliebte Mitflöhe, finden wir uns so leicht zurecht, wie au dem Menschen, denn es verhindert bei ihm kein Pelz den freien Ueberblick über den zurückzulegenden Weg. Ich hatte vielmehr vor, die für unser Geschlecht besten Erwerbsquellen am menschlichen Leibe aufzusuchen, und wie weit mir dies gelang, wird die Folge lehren. Doch muß ich zuvor noch erinnern, daß in Folge der Dunkelheit meines ersten Aufenthalts und ange- strengter Nachtstudien ich mich einer Konkavbrille bedienen mußte.—
Es war an einem schönen Mittwoch Nach— mittage, als mein Herr. mein Pudel und ich einem Sommerfeste beiwohnten, das von einem Clubb unserer Universttätsstadt ausging. Die Herzkönigin meines Herrn hatte sich auf einem die Aussicht in das Thal bietenden Raine nie⸗ dergelassen, Hals und Brust oder, wie mein Herr zu sagen pflegte, die Lilienhügel den Blicken der Sonne und somit auch den meinigen darbie⸗ tend. Erschreckt nicht, ehrbare Flohjungfrauen, über dies Bild denn ihr müßtet sonst im Ver⸗ auf dieser Erzählung noch mehrmals erschrecken, es waren ja Menschen, von denen ich rede. Und du, meine Geliebte, fürchte nicht, daß ich wünschte, du möchtest mir, wie jene Menschenjungfrau, die Brust enthüllen, von der ich doch weiß, daß sie auch in dem sittigen. Gewande ein Herz bedeckt, das mir seine geheimsten Tie fen zu offenbaren
sich sehnt, aber auch nur kur Ehrbarer scheinst Du mir so und schöner deine volle Gestalt
in dem Faltengewand. Warum diese Kleidungsart besteht, weiß ich nicht. Ich hörte später einmal ein Frauenzimmer fragen: wofür hat man denn einen schönen Hals? Damit wäre aber doch stcher zu viel gerechtfertigt.—— Mein Herr saß meiner Gebieterin zur Seite und der Pudel, auf dessen Kopf ich mich gerade befand, zwischen ih⸗ nen abwechselnd von beiden geliebkost. Wie ein Blitz fuhr es durch meinen Kopf, ich faßte mein Bündel, sprang in der Abstcht auf einem der Lilienhügel Platz nehmend meine weitere Reise— route zu überlegen, allein ich sprang zu kurz und fiel mit reißender Schnelligkeit in die Tiefe. Es war noch ein Glück, daß ich auf die Füße zu stehen kam, aber ich hatte meine Brille ver⸗ loren und den rechten Arm an einem festen Ge⸗ genstaud im Herabgleiten heftig geschunden. Es war ziemlich finster, und mir schien's, als be⸗ fände ich mich in einem tiefen Thal, dessen Grenze nach der einen Seite eine Art schiefer Mauer bildete, mit meinem Fernrohr entdeckte ich ganz oben in starker Beleuchtung die Lilienhagel, welche


