Ausgabe 
12.3.1852
 
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Erster Jahrgang.

4, 45 Das

Giessen, 12. März 1852.

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Pfeifen und Menschen.

So schwer es halten mag, zu beweisen, daß der Mensch ein Hans wurscht sey, so leicht ist eine ungemeine Aehnlichkeit zwischen Tabakspfei⸗ fen und ihm nachzuweisen. Kaum lassen sich in dem ganzen Reiche der Natur zwei Dinge zu⸗ sammenstellen, die eine frappantere Aehnlichkeit aufeinander hätten M selbst die Analogie eines gewissen Blaufärbers mit dem Tuschvolk der Chi⸗ nesen, in Rücksicht auf die schiefen Ansichten Rich ausgenewmenn 8

Also, wie man eine Pfeife erst beurtheilen kann, wenn sie gründlich angeraucht ist, geht es mit den Menschen und sagt man nicht von einem: er raucht sich gut, oder: er raucht sich schlecht? Ich kenne einenHolzkopp der sich schwarz anraucht; wer kennt ihn noch mehr? Wo ist in aller Welt mehr Kopfzerbrechen, als bei Men⸗ schen und Pfeifen? Wo mehr Verstopfung? und die Aerzte sind gleichsam die Pfeifenraumer der Gesellschaft. Pieifen und Menschen werden ausgeklopft und bei den Menschen ist die Gluth bald verraucht, auch zeigt si o bei beiden der gute Geschmack, wenn sie geputzt sind.

Es gibt nichts Gräulicheres, als wenn Men- schen oder Pfeifen versuttert sind und leider tritt beides gar oft ein.

Man denke sich einen jungen, lebensfrohen Studio, der heiter und ohne Arg ins grüne Le ben hineinhaußt, der sich über alles amüsirt, was nicht in den breitgefahrenen Gleisen des. Alltaglebens dahin gleitet, der ins Colleg geht, weil er die Kraft dazu hat, der ins Wirthshaus geht, weil er den Durst dazu hat und der auf die Mensur geht, weil ihm hier das Herz am lustigsten klopft.

Er macht sein Examen und hat Aussicht später Pfarrer auf einem Dörflein zu werden.

Schon vorher hatte er sich, unbeschadet sei⸗ nes Humors, halb verlobt. Wie heiter deuchte

es ihm, wenn sich sein Schätzlein für Blumen bei ihm bedankte, die er Nachts an ihr Fenster ge⸗ stellt hate, nachdem er sie eine viertel Stunde vorher einem Blumenpedanten entführt, und der⸗ gleichen Kurzweil mehr.

Thränenden Augs zog er fort aus der schö⸗ nen Musenstadt und gelobte sich im Herzen ewig jung zu bleiben und das süße Band, das ihn mit lieben Freunden umschlang nie zu zerreißen, son⸗ dern es fest zu halten und Blumen daran zu knüpfen Blumen der reinsten, der duftendsten Poeste. 8 Er hat eine Pfarre und fröhlich zieht er

mit seinem hübschen, munteren Weibchen durch

die mit Epheu und Immergrün geschmückte Thüre des Pfarrhauses. Mehrere Studienfreunde was ren bei dem Feste zugegen, der Wein öffnete ih⸗ nen Herz und Mund und sie küßten sich und schwuren einander ewige Treue und Freund schaft. Der alte Schläger, den der frohe Student so oft mit Ehren geführt und den er zum Angedenken mitgenommen hatte ins Pfarr⸗ haus, wurde aus dem Schrank geholt und ging im Kreise herum und Jedweder hatte seine Freude d'ran. 5 *

Zehn Jahre später finden wir den Herrn Pastor grämlich an seiner Pfeife kauend hinter dem Ofen. Seine Frau prügelt eben ihren äl testen Buben, weil er, einem Eichhörnchen nach⸗ jagend, sich die Hosen zerrissen hatte. Der Pa⸗ stor dachte gerade an seine Studienzeit und konnte nicht begreifen, wie er damals so dumme Streiche hatte machen können. Seine Freunde hatte er kaum wiedergesehen und wenn er je einmal in die Stadt kam, so geschah es an Marktagen, um ein fettes Rind oder Schwein zu verkaufen und sich mit Tabak zu verproviantiren. Seine schöne Vienenzucht hatte er aufgegeben und die Blu- mengärtnerei war ihm zum Eckel geworden; er las nur noch Fachbücher und mit der Gemeinde

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