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——Erscheint wöchentlich mal.
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Erster Jahrgang.
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„ Das
rnemänunche.
Preiß für Gtabt und Umgegend mit Bringerlohn monatlich 12 kr. Einzelne Nrn. 2 Kr.
Auswärtige können nur bei den nächsten Postämtern 3 Monate abonniren wobei der übliche Postaufschlag eintritt.
Aus dem Griefwechsel eines Llohs.
Liebe Muh me!
Ihrem Wunsche gemäß beeile ich mich Ihnen Einiges über das Leben der Menschen in hiesiger
Stadt mitzutheilen, muß Ihnen aber gleich die
Hoffnung abschneiden hieraus das Eine oder das Andere zur Werbesserung unserer Gesellschaft zu eninehmen. Sie erinnern Sich aus dem vorletz⸗ ten Almanach, wie ich von meinem früheren Be⸗ sitzer zu Fräulein X überging, allein sie wissen noch nicht, daß dieselbe eine Gelehrtentochter und nun seit einiger Zeit verheirathet ist. Es ist das ein eigenthümlicher Menschenschlag, die Ge— lehrten und deren Familien, will nicht sagen, daß es grade böse Menschen wären Diese Her— ren sind besonders in Deutschland, wie ich auf meinen Reisen bemerkte, mit ihren Büchern in ein so inniges Verhältniß getreten, daß sie nur von Zeit zu Zeit wie die Maulwürfe aus den⸗ selben heraustreten und sich in dem Gesellschafts⸗ oder Staatsleben zeigen, wobei sie denn freilich meist eine Figur machen, wie ich ste nicht gern in unserer Gesellschaft abgeben möchte.
1) Ja sogar nicht einmal der Kunst gewährt ein großer Theil von ihnen die gebührende Ach⸗ tung, ich konnte das erst neulich bemerken, als hier und dort manche üb ergelehrte Nase gerümpft wurde über einige sehr ehrenwerthe Leute, welche obwohl diesem Stand angehörend es unternah⸗ men selbst vor das Publikum mit ihrer Kunst zu treten. Manche derselben mag es freilich auch geärgert haben, daß nicht blos gelehrte sondern auch bürgerliche Ohren zu diesem Genusse zuge⸗
lassen wurden, und ich muß ihnen sagen, Muhme,
die Leute haben damals einen wahren Kunstsinn bewiesen, wenn auch immer noch etwas hätte anders sein können.— Der Natur vollends können viele von diesen Gelehrten schon darum
keinen Geschmack abgewinnen, weil ste dieselbe nur aus Hörensagen oder der Erinnerung ver- gangener Tage kennen. Mit Dampf einige hun⸗ dert Meilen weit herum fahren, das nennt man dort Vergnügungsreisen machen, statt daß man hübsch mit dem Stock in der Hand über Berg und Thal zöge und dabei so die Naturwelt als auch die Sitten und Gebräuche der Menschen kennen lernte, drückt man sich in einem Wagen herum und glaubt die Welt zu kennen, wenn man weiß, wo hier und dort ein guter Gasthof, welche Sammlungen und Fabriken etwa in der oder jener Stadt sich befinden. Doch will ich das nicht von allen Gelehrten behaupten, kenne ich doch selbst einen, der in der freilich sonder— baren Naturliebhaberei so weit geht, daß er ein kleines Gärtchen, das einzige, das er besitzt, mit Stachelbeergestrüpp und Obstbäumchen so angefüllt hat, daß über dem Streben nach Natürlichkeit zugleich der Nutzen und die Schön- heit verloren ging.— Wenn ich ihnen noch hinzufüge, daß eine große Zahl dieser Gelehrten weit besser eine Menge anderer Sprachen versteht als die Muttersprache, jene weit höher schätzt als diese und darum ein fürchterliches Kauder⸗ wälsch als Sprache hervorstößt, so werden Sie genug haben um ein Ideal eines Gelehrten sich zu bilden. Doch muß ich bemerken, daß so wie ich eben sie geschildert habe, die Gelehrten meist erst von einem gewissen Alter an werden. Junge Gelehrte habe ich öfter sich außerhalb ihrer Stu— dienzimmer und Auditorien bewegen sehen, aber die möchte ich nun dabei den Heuhüpfern ver— gleichen, denn man weiß nie wohinaus sie wol⸗ len, weil sie in jedem Augenblick die Richtung ändern. Possirliche Gestalten habe ich da aus allen Fakultäten kennen gelernt, die hinter einem Anstrich von geselliger Manierlichkeit oder auch Plumpheit, verbunden mit schöngeistiger Vielwif— serei oder dem aufgehäuften Material eines un— geheuren Gedächtnisses ein unselbstständiges un⸗ gründliches Wesen verbergen, in einer glänzenden


