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Laternemäunche.
Erster Jahrgang.
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Giessen, 18. März 1852.
Erscheint wöchentlich Zmal. Preiß für Stabt und Umgegend mit Bringerlohn, monatlich 12 kr. Einzelne Nrn. 2 Kr.
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N 2 5—— * Neminiseensen aus meinem Künstlerleben.
O glückliches, seliges Voͤlkchen, dem der Himmel soviel verlieh zur schönsten Harmonie; das ein natürlicher Drang hinausführen muß auf seine Hügel, in seine Thäler, auf Wies und Flur, in Feld und Wald— hier wäre so ein Plätzchen für mich und wahrlich, finde ich hier Menschen, die ihrer Naturumgebung wördig sind, so sey's gewagt, so bleib' ich hier!“ So dachte ich, als ich an einem schönen Frühlingstage zur Musenstadt Gießen hineinzog, einen Freund da⸗ selbst zu besuchen. Schon eine gute Strecke vor der Stadt stieg ich vom Wagen ab, um zu Fuß, wie es einem wandernden Musikanten, der mit etwas poetischem Talente im Uebrigen ausgestat⸗ tet war, eigentlich ziemt. Die schöne Gegend riß mich hin, die Vöglein sangen so wunderlieblich und ich freute mich ob der herrlichen Sympho⸗ nie, die mich an Beethovens Pastoralsymphonie erianerte, aus der ich jetzt einige Lieblingsstellen vor mich hintrillerte. Ich war so den ersten Häusern der Stadt nahe gekommen, und horch! da erklang der Ton einer Clarinette an mein Ohr, und die Melodie, die ich spielen hörie, war eine von Mozart, den die Welt nicht mag, edle Seelen aber gern als ihren Meister erken⸗ nen, dessen Töne zu lauschen ihnen die größte Freude gewährt. Ich ging vorüber mit der Freude im Herzen, die uns dann wird, wenn wir von ungefähr eine gleichgestimmte Seele treffen. Ich wußte zwar nicht, wer der Mann mit der Cla⸗ rinette war, aber an der Seele, die sein Vortrag athmete, erkannte ich sogleich den ächten Mo⸗ zartjünger.— Nun aber ging mirs wirklich wie dem Wandrer in der Wuͤste; die Oasen sind da etwas seltenes. Auch in Gießen schienen die Musikoasen spärlich zu sein. Zwar Pfützen ge⸗ nug, aber keine lebenskräftige Quelle.— Meine Wandrung führte mich, da mein zu besuchender
Freund am andern Ende der Stadt wohnte, durch die ganze Musenstadt durch. Musensöhne mit bunten Mützen und kurzen Pfeifen begegneten mir und machten, ich weiß nicht welchen Ein⸗ druck auf mich; auch Musik erklang von beiden Straßenseiten. Lustig Vötkchen! dachte ich. Ich hörte jetzt bei meinem Wandern durch die Stadt ein gar herrliches Conzert, wie ich in der That noch keins im Leipziger Gemeindehaus gehört habe. Während ich nämlich hier stets klassischt
Musik zu hören gewohnt war und mir die Gei⸗
ster Händel's, Bach's, Haydn's, Mozart's, Beet⸗ hoven s in ihren unsterblichen Werken nahe ge⸗ bracht wurden, hörte ich jetzt— wohl auf theue⸗ ren Instrumenten, auch vielleicht von theueren Noten— Musik spielen, die eben alles war, nur nicht„schön.“ Meyerbeer eröffnete die Reihe der liebenswürdigen Genien die mir ihre Grüße entgegenkreischten und grade als wäre es darauf abgesehen gewesen, mich recht zu ärgern, kam ein höllisches Musikstück aufs andre. Kaum war ich einer Arie aus dem„Propheten“ glücklich ent⸗ ronnen, als ich der„Sonntagspolka“ in die Arme gerieth— und war mir doch gar nicht zum Tanzen.— Hier machte ein Prochsches Lied mir beinahe übel vor Sehnsucht, dort wurde ein von„Strauß“ und„Labisky“ aufgespielt; hier endlich erklangen die fürchterlichen Flügelcompi⸗ sionen von Dreischok, Voß, Villmers, Beier, für deren Ausführung fast keine Hämmer mehr stark genug sind, leider freilich auch nicht für ihre Ausrottung.— Ich seufzte und war ganz trau⸗ rig.„Ach, nur eine Sonate von Mozart“! rief meine dürstende Seele, und— wenn die Noth am Höchsten, ist Hülf“ am nächsten,— mein Wunsch fand Erhörung. Ich war unter den schrecklichsten Tonqualen bis zum Wallthor ge⸗ peinigt worden, da stand ich plötzlich still, denn eine Sonate von Mozart erklang und bot meiner armen Serle reichen Ersatz.— Also zwei Oasen in der Wüste! Zwei„Gesinnungstüchtige,“ einen am Anfang, einen am Ende der Stadt!—


