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Ich war nun dei meinem Freunde ange⸗ kommen und mußte mich erst von meinen must⸗ kalischen Strapatzen, die ich von Seltersberg bis zum Wallthor erduldet hatte, gründlich erholen, ehe ich meinen Freund und er mich genießen konnte. Nach kurzer Ruhe und einem Plauder⸗ stündchen pochte es endlich an der Thür meines Freundes und herein trat ein kräftiges Bauern- mädchen, eines von denen mit den kurzen Röcken. Es richtete eine Empfehlung von dem Herrn Professor X. an meinen Freund aus und über⸗ reichte ein Billet. Dann verschwand sie.— Das Billet wurde eröffnet und sah also aus:
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Herrn M. M. für heute Abend das Vergnügen aus zu einer Tasse Thee
und kalten Braten. 3
Anterzeichneter bittet sich von 5
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Prof. P. 5 eee
„Herrlich, herrlich, rief mein Freund, daß Ou grade heute gekommen bist, da wird Dir ein Genuß werden, wie Du wohl noch keinen ahn⸗ lichen gehabt hast!“—
Die Stunden, die uns noch übrig waren
bis zum Beginn des mustkalischen Thee⸗ und Bratenkranzes, wurden verplaudert; mein Freund erzählte mir manch' Interessantes von Gießen, von den Conzerten, Clubbällen, Sonntagsgesell⸗ schaft, Seltersberg, Blaufärbern und vergönnte mir so eiuep titfen Blick in den Geist der Mu⸗ senstadt.—(Foris. folgt.)
III. ˖ Wie die Boten wieder zur Musika kamen.
Doch damit war's noch nit vorbei.
Der Hapdn bört's und spricht:„ei, ei, Was habt Ibr denn für'n Stück gemacht. Daß die Euch so in Zorn gebracht?“
„Die Ouvertüre zum Don Juan,
„„ Potz, Donner; ruft der Mozart da,
„Die Musik will das Volk nit hör'n. „Da muß ich mich doch auch beschwer' n!“?
„„No, still nur, sagt Frau Musika
„„Die Aunre sinn nett besser da.
„Beethoven, Haydn, Gluck und Bach:
„„Der Meierbeer, der biet'ten Schach!““
„Oer Lump?“ sagt da der Mozart drauf, „Ich will das Volk doch suche auf, 8
„War doch schon lang nitt auf der Erd“,—
Un gleich er auch erunner fährt. j
955 N IV. 5 Wie der Mozart nach G.. n kommt und „„ was er dort gethan. 1
Sonne hat'e sich gesenket, Lung klomm em Himmel auf, Als der ernste Mozart lenket Erdwörts seinen Flügellauf.
Schnell am Ziel er schreitet leise Straßen auf und Straßen ab. Horch: da klinget lust'ge Weise Vom Balkon zu ihm herab.
„Närrische Franzosenlieder, »Italiensche Leierei.“
Brummt der Mozart, eilet wieder An dem stolzen Haus vorbei.
Hier und dort dergleichen Klänge Scheuchen ihn zum Thor hinaus, 'S wird den armen Meister enge, Länger hält er's nimmer aus.
Doch er steht. Im stillen Garten Steht ein Haus. Der Meister lauscht' Ist es Staunen, ist's Erwarten?
Leise dort ein Bächlein rauscht.
Und der Gambe Zauberlaute Mischen sich dem Rauschen ein. Mozart stieg empor ud schaute, Wer der Spieler mochte sein.
In bestaubter Bücher Mitten Saß ein Mann mit ernstem Sinn, Seine müden Finger glitten Bebend auf den Seiten hin.
Hammer, Meisel, Steine lagen Um den Geiger rund zerstreut,— Glänzend, flimmend, frisch zerschlag en. Erest der Meister ihm gebeut:
„Edler, der in Ruhestunden
Sich an edlen Tönen freut, Mache dieses Volk gesunden, Das der heil'gen Kunst so weit.“
„Meister scheinest Du der Steine Trägst den besten in der Brust Auf und brich mit seinem Scheine Diese lockre Taumellust.“
Mozart spricht's und ist verschwunden, Doch die Gambe tönet fort,
„Mache dieses Volk gesunden,
Höre Du des Meisters Wort.—
(Forts. folgt.)
Cornelie an ihre Freundin Malwine in 5 Darmstadt.
Schon längst, liebes Herz, wollte ich Dir Deinen Brief beantworten, allei! fast kann ich keine Minute erübrigen, so sehr ist man hier in Auspruch genommen: Conzerte. Tanz Thees, Bälle ꝛc. wechseln diese Saison so angenehm mit einander ab, daß man gar nicht zaus dem Vergnügen herauskommt— ich bin ordentlich froh, daß Vater nicht Appellationsrath in Darmstadt geworden ist. Gestern wa⸗ ren wir wieder in der Samstagsgesellschaft; ach Gott, wie war ich so vergnügt! Ich weiß nicht, ob Du schon davon dienste es ist dies eine Vereinigung von uns, den ge⸗
ildetsten Ständen, welche alle 14 Tage zusammen kommen, um sich möglichst billig zu amüsiren. Man trinkt erst ei⸗ nen Thee, spielt Schaͤferspiele und dann führt man sich zu Tische und denke Dir nur, das Couvert kostet nur 18 kr. Vater und ich verzehren selten mehr, als 48 kr., den Thee trinken wir nehmlich zu Hause, Vater meint vas könne man mit Anstand. Dak Letzremal hatte ich meinen rothen Mous⸗ selin an, früher war er ausgeschnitten, ich habe mir ihn aber ändern lassen, sodann hatte ich ein gestelltes Chemi⸗ settchen mit schwarzem Sammetband und war a la Wahn⸗ sinn frisirt(Oppermann sagte niedrige Stirnen würden da⸗ durch höher). Ich hatte mich recht auf den Abend gefreut es waren nehmlich einige Studenten, die ein Musikfränz⸗ chen haben, eingeladen; sonst geschieht dies nicht— nur einige Chemiker werden zuweilen zugezogen, Aber denke Dir, diese Menschen kamen nicht, sie dankten undꝛweißt Du auch warum Sie fürchteten, sie kämen ins Latern mäunche.
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