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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
Seite
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medietät, Exemption und gerechtsamen fürgebracht worden, alle mit Urkunden belegt, um Gründe und Gegengründe der Ansprüche zu beweisen. Das verhängnissvolle Jahr 1809 entschied die ganze Streitfrage rasch und durchgreifend. Na- poleon hob nämlich am 24. April des genannten Jahres den deutschen Orden im ganzen Umfang des Rheinbundes auf und vereinigte dessen Besitzungen mit den Domänen jener Fürsten, in deren Gebiete dieselben lagen. So kam die Kommende Schiffenberg an Hessen-Darmstadt, der letzte Landkommenthur von Hessen war Alexander Friedrich Wilhelm, Freiherr von Seckendorf, welcher 1814 starb. Seit 1809 ist nun Schiffen- berg ein beträchtliches Domänialgut, welches in Pacht gegeben wird; dort oben, wo einst die Chorherrn so lustig und dann die deutschen Herrn so fürstlich hausten, sitzt nun ein Pächter, welcher von Seiten des Eigenthümers verpflichtet ist, eine Wirthschaft zu halten; und zwar, wie es scheint, nicht zu seinem Nachtheil, denn Ausflüge nach Schiffenberg, welches nur eine Stunde von Giessen entfernt ist, werden mit Recht oft genug von dort aus unternommen.

Indem ich im Walde geradeswegs fortwandere, um den Schiffenberg zu erreichen, sehe ich rechts den forstbotani- schen Garten. Er gehört zu der im Jahre 1825 errichteten Forstlehranstalt, welche mit der Universität verbunden, den ordentlichen Professor der Forstwissenschaſt zum Director, einen zweiten Lehrer für die praktische Unterweisung der Forst-Akademiker hat und unter der obersten Leitung und Disciplinargewalt der Universität steht. Dieser forstbotanische Garten ist eben so zweckmässig und schön angelegt als weit ausgedehnt und verdient wohl einen eigenen Besuch.

Bald erreiche ich jetzt den Fuss des Schiffenberges und steige auf engen traulichen Pfaden, die von jungem Laubholz überwölbt sind, zu dem Gipfel empor; so mancherlei halbver- wachsene Kreuzwege durchschneiden den Forst; durch das zarte Laub schimmert das Sonnenlicht, wie durch die bunten Fenster eines alten Doms und die Säume der schlanken Stämme glänzen von Gold; man sieht das Original einer Claude-Lor- rain'chen Beleuchtung mit allen ihren poetischen Zaubern. Nun habe ich die kunstlose Bergtreppe erstiegen und stehe