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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
Seite
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Du sie, freundliche Natur, die Du stets über der Zerstörung Dein frisches grünes Gewebe ausspannest und selbst über Leichen deine glühenden Blumen ausstreuest, dass uns der Anblick des neuen Lebens, das aus dem Tode keimt, an das grosse, unvergängliche erinnere, Natur, die Du sogar, wenn Du selber im Todesschlummer gebannt zu sein scheinst, Deine Schneekristalle spriessen lässest, während unter dem starren weissen Leichentuche schon die lebendige junge Saat dem Lichte entgegenwächst. Der jetzige Besitzer der Scha- benburg hat, man muss es ihm nachsagen einen guten Willen und sucht die verödeten Räume in einen Garten umzu- wandeln. Arm in Arm mit dem Freunde durchwandle ich diese Anlagen, und unvermerkt sind wir dabei zwischen Mauerresten und aus den Erdschichten hervorquellenden Ba- salten immer näher hinangestiegen, bis wir uns plötzlich, überrascht, mitten in den Ruinen der oberen Stauffenburg finden. Welche Aussicht auf das Lahnthal! Ueberall in der Runde find' ich liebe Bekannte, diese Ruinen vom Frauenberg an bis zum Vetzberg, bis Giessen hin. Und welche andre, dem Auge so wohlthuende engere Aussicht in die Waldgründe und Thalschluchten, wie ich jetzt mich wende und zwischen den Trümmern an den Rand des Berges hintrete. Die Feier- stille des Abends ist drüber ausgegossen; des Menschen Tagewerk ist vollbracht und die Poesie beginnt ihr geheim- nissvolles Schaffen in der ungestörten Waldeinsamkeit.

Und nun, bevor uns die Nacht nöthigt, den Bergesgipfel zu verlassen, und uns zur Heimkehr anzuschicken, noch einen flüchtigen Blick über die Ruinen hin! Kaum lässt sich aus ihnen die Konstruktion der Burg erkennen, wie sie einst hier stand, und ich muss den wackern alten Merian anrufen, der Phantasie zu Hilfe zu kommen; leider hat er aber gerade die Stauffenburg auf seinem Blättchen gar stiefväterlich bedacht. Wie es scheint, so erhoben sich ein viereckiges Hauptgebäude mit vier Erkerthürmchen, ein hoher Thurm mit Zinnen und ein kleinerer mit einem spitzen Dache im Schlosshofe; diesen umgab eine Mauer, welche sich nach der Stadtseite hinzog und starke Ringmauern wanden sich längs des Bergabhanges bis zur Schabenburg hinab.

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