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aufzunehmen. Da hat dieser nicht nöthig, vor allen Dingen seinen Stammbaum aufzurollen, oder sich durch ein Schock Empfehlungsbriefe gehörig zu legitimiren, auf dass man dem „Vorzeiger derselben allen gehörigen Vorschub leiste.“ Auch ist die Gastlichkeit in Giessen nicht damit abgethan, dass man den Fremden zum Thee oder»auf einen Löffel Suppe“ einla- det, wobei die Hausfrau ihren Luxus an Silber, der Hausherr die Matadore seines Kellers und beide zusammen ihre ganze Selbstgefälligkeit zur Schau ausstellen, wie man dergleichen Dinge in grossen und reichen Handelsstädten wohl erleben kann, wo dir die Etikette jeden Bissen vergällt und wo deine Sehnsucht nach Beendigung der Mahlzeit grösser ist als dein Appetit vor Beginn derselben war. Das sind Schaugerichte, bei denen das Herz hungrig bleibt, und doch verdirbst du dir den Magen durch eitel Süssigkeiten;; bei allen pikanten Saucen vermissest du die gute Hausmannswürze, ohne welche nicht blos die Gerichte, sondern auch die Gesellschaft fade schmecken, nämlich du vermissest die Herzlichkeit. Gänz anders in Giessen. Hier findest du mehr wahren Genuss bei weniger Prunk, weniger feine ausländische Weine als— gut vaterlän- dische und doch auch feine Menschen. Hiier steht der Be- griff der Gastfreundschaft über dem niedrigen Maasstab der Abfütterung. Ein deutscher Handschlag eröffnet dir gleich von Anfang das ganze Verständniss dieses Begriffes. Man schenkt dir nicht bplos eine Einladungskarte, nicht blos eine auf der Goldwage des Anstandes abgewogene Viertelstunde, sondern gleich— sich selbst, und über dies reiche Geschenk kannst du frei verfügen. Und das ist der sicherste Beweis der ächten Bildung, die so himmelhoch über der glatten und kalten Scheinbildung steht, wie Gottes warme Sonne über der Eisfläche, welche freilich auch glänzet. Die ächte Bil- dung wird immerhin stets die Formen achten, so wie es keine Wahrheit gibt, die nicht auch der schönen Form als Maas und Gränze, ja als Leib bedarf, um sinnlich erscheinen zu können; aber sie wird nie die Porm über den Inhalt, die Erscheinungen über die Wesenheit setzen. Mit einem Wort: die ächte Bil- dung wird sich von der Konvenienz nie tyrannisch beherr- schen lassen, sondern vielmehr diese zu sich erheben. Und


