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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
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lichkeit für Naturschönheiten entspricht nun bei ihm eine gleiche für die Werke der Kunst. Er theilt seine Liebe zwischen bei- den und die Kunst kommt dabei nicht zu kurz. Hier lässt sich der geistige Einfluss nicht verkennen, der alle jene star- ren Unterscheidungslinien der Kasten verwischt, bei deren Be- trachtung uns anderwärts oft das Auge schmerat. Bürger, Beamte und Lehrer, als der bleibende Kern der Bevölkerung, wetteifern in der Liebe zur Kunst, welche das Leben ver- edelt und verschönt. Ich will nur ein Beispiel davon erzäh- len. Giessen liegt weit ausserhalb des Kreises, welchen die verbundenen rheinischen Kunstvereine geschlossen haben, und in Folge dieser Lage kann es an dem Turnus der Gemälde- ausstellungen nicht füglich Theil nehmen. Gleichwohl sah ich im Jahre 1839 auf den während der Ausstellung in Darm- stadt aufgelegten Unterzeichnungslisten plötzlich die Giesser in grosser Masse aufrücken als neue Mitglieder des Darm- städter Vereins. Sie hatten keinen höheren Anspruch als auf die Verloosung und das Nietenblatt, und sie sprachen keinen anderen Wunsch aus als den bescheidenen: die zur Verloo- sung in Darmstadt angekauften Bilder für kurze Zeit zu sehen. Kurz, sie begaben sich von vorn herein des Vergnügens im Grossen, um einen Kunstzweck zu fördern. Man legt in der Regel auf solche Umstände kein Gewicht, aber man sollte es wohl thun, weil sich auch darin der in einer Stadt herr- schende Geist kund gibt. Ich könnte noch mehre solcher Bei- spiele für den Kunstsinn in Giessen anführen. Brauche ich wohl noch erst zu erwähnen, dass die Musik dort ein will- kommener Gast ist? Die Musik, welche ganz abgesehen von der selbstständigen Würde der Kunst überhaupt, eigent- lich die»gesellige Kunst« par eæcellence genannt werden kann; die sich in der Familie nicht erst durch ihre vornehme Base die Kritik« vorstellen zu lassen braucht, sondern ganz ein- fach in ihrer natürlichen Grazie eintritt und dadurch sogleich alle Herzen erwärmt, nicht blos für sich selbst, sondern auch für diese untereinander!

Die Geselligkeit der Giesser beschränkt sich nicht etwa streng patrizisch auf die Familienglieder; nein, sie erweitert ihren Kreis zur Gastfreundlichkeit, um jeden Fremden darin