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goggebäude; auch diese„neuen Bäue«“ sind nichts weniger als modern nach unseren Begriffen. Nahebei ist das Klubb- gebäude mit seinem geschmackvollen neuen Bankett- und Tanzsaale, würdig, die schöne Welt zu vereinigen.
„Die schöne Welt!« Was ist die schöne Welt? Die ganze Welt an und für sich ist schön; der heitere Grieche drückte dies in dem einzigen Worte Kosmos aus und kannte die Kos- metik unserer Boudoirs noch nicht. Es gibt Herren und Da- men mit grauem Haare, die unbedingt zur schönen Welt ge- hören, weil die Schönheit der Seele ihre Herzen jung erhält. Diese ist»die gesalbte Braut des Perserkönigs«, wie einer unserer edelsten Dichter(Teinrich von Kleist) sie so treffend bezeichnet, und der Abglanz ihrer innersten Wesenheit, die- ser ewigklaren Sonne, verschönert die Aussenwelt rings um sie her. Das Wesen der Seelenschönheit aber ist eins und dasselbe, ob es sich nun bei dem Kinde als Unschuld, bei der Jungfrau als hingebende Liebe, bei der Mutter als auf- opfernde Liebe, beim Manne als vollendeter Charakter kund gebe. Sie ist die innere Musik des geselligen Lebens, jede Bewegung desselben geschieht nach dem Impuls, den es von dieser erhält und der so mächtig in uns fortbebet, wie der Hall der Glocken in unsern Nerven noch lange nachzittert, wenn wir den Thurm besteigen, wie uns dann die Luft selbst und das weite vor uns ausgebreitete Panorama noch von den Schwingungen zu pulsen und leise zu wogen scheint.
Die Schönheit bringt meine Gedanken auf den Schön- heitssinn, und in diesem habe ich ein sehr bezeichnendes Merkmal der Giesser vor mir, so wie zugleich die geeignete Veranlassung, einige Züge zum Charakterbild derselben zu ent- werfen. Ja, der Schönheitssinn ist hier in Giessen zu Hause, und er äussert sich in doppelter Weise, nämlich als warme Em- pfänglichkeit für die Reize der Natur und als rege Theilnahme für die Werke der Kunst. Aufwachsend in einer Landschaſt voll der mannigfachsten Naturschönheiten, lernt der Giesser den Sinn dafür von früh auf ausbilden, und dieser verwächst ihm mit der Liebe zur Heimath. Und mit welcher Innigkeit hängt der Giesser an seiner Heimath! Sie ist sein Stolz und seine Freude und bleibt's auch in der Ferne. Dieser Empfäng-


