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der brave Antiquarius hat auch noch die schwebende Brücke gesehen, vermittelst deren man aus dem schönen Collegio in das alte Schloss gelangete. Von allem dem sind wenige Spuren mehr vorhanden. Die einst so bewunderten astro- nomischen Instrumente beachtet heutzutage niemand mehr; die schwebende Brücke ist im Jahr 1763 abgebrochen, die Kanonen, die»Kriegsrüstungen für viele tausend Mann«, die schönen alten Schwerter und die kunstreich gearbeiteten Harnische sind in schlimmen Zeiten verschleudert worden; nur wenige kärgliche Reste wurden in das sogenannte alte Museum zu Darmstadt gerettet, wohin auch ein metallenes Bild aus Giessens germanischer Zeit gewandert sein soll, welches man 1822 bei Erweiterung des Stadtgrabens fand*). So schwin- det spurlos Das, was man einst für das wichtigste Vehikel der Fürstenmacht hielt. Doch was ist das für ein Verlust? Wird er nicht vollhältig aufgewogen durch die bessere Einsicht, die sich heutzutage festgestellt hat, und die schon jener Eberhard von Würtemberg in den Worten aussprach:»Ich kann im Schooss eines jeden Unterthans sicher schlafen«? Gewiss: es ruht sich nicht bloss weicher, sondern auch sichrer auf dem Vertrauen des Volkes als auf Kanonen, und in sofern lasst es uns nicht so sehr beklagen, dass das vermeintliche Palladium, auf dessen Untrennbarkeit Landgraf Ludwig IV. in seinem letzten Willen ein so grosses Gewicht legte, zersplittert wor- den ist. Immerhin ist und bleibt der„Brand«“ einer der interes- santesten, wenn auch nicht der lebhaſtesten Plätze in Giessen, wo man eich unter den schattigen Bäumen gar leicht in vergan- gene Zeiten zurückträumt und gerne deren Eigenthümlichkeiten sich vergegenwärtigt, ohne desshalb gegen die Gegenwart un- gerecht zu sein. Das weiland Kolleggebäude daselbst hatte die Bildnisse von 10 Landgrafen und von 112 Professoren auf- zuweisen, und in dem unteren Stockwerke wurde der katho- lische Gottesdienst gehalten, zu welchem Behufe jetzt eine eigene Kirche erbaut worden ist.— In den»neuen Bäuen«, welche sich nicht weit vom Brand befinden, ist das Pä da-
) Vergl. Nebels treffliche Geschichte der Universität Giessen(in Justi's Vorzeit 1828. S. 118.)


