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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
Seite
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Einleitung.

Wemn ihr im Winter, des Abends einsam am Kamine sitzend, wüährend euch der Frost Eisblüten an die Fensterscheiben malt, eines eurer Liebslingsbücher aufschlagt, so findet ihr wohl zuweilen eine verblichene Blume oder ein dürres Laub, wie alte Gefangene, zwischen den Blättern. Ihr hattet sie vielleicht längst vergessen, und nun, da ihr sie plötzlich wiedersehet und aus ihrer Haft erlöset, dünkt euch: sie sprächen ganz leise und doch so bekannt zu euch. Da wird das zarte Geäder des Laubes zu Hieroglyphen eurer eigenen Vergangenheit, und ihr leset so manchen schönen Augenblick, den ihr mit frischen Sinnen genossen habet, als die Blume noch in der Muttererde wurzelte, als das Laub noch saftig am Zweige hing, der sich gastlich über euch wölbte. Ihr pflücktet die Blume, ihr brachet das Laub, als ihr von einem lieben Orte oder von lieben Freunden Abschied nahmet; ihr brachtet sie heim als einstige Merkzeichen der Erinnerung. Und jene Zeit, jener Ort, nun so fern, wie nahe werden sie euch plötzlich wieder! Wie eigen traulich umfriedet euch jetzt der magische Kreis dieser nahen Ferne, dieser gegenwärtigen Vergangenheit! Der Zufall, wie er euch vielleicht einst in der Wirklichkeit verstimmte, hat darin nicht Raum; ihr beherrschet euer ideales Reich wie ein unumschränk- ter Monarch, und bunte Reihen gefälliger Gedanken, welche euch umgaukeln, weben über jede düstre Ecke gar schnell einen leichten Teppich voll goldschimmernder Arabesken.

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