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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
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auf der von bunten Gruppen belebten Terasse, welche sich vor der Umfassungsmauer der weiland Kommende ausbreitet. Hier eröffnet sich mir wieder eine herrliche Aussicht. Da seh' ich in der Gluth des Abends die zwei stattlichen Thürme der Ruine Münzenberg auf dem Bergesgipfel und gedenke der mächtigen Dynasten, welche einst dort sassen, und deren Mannsstamm im Jahre 1255 erlosch. Dort hinter Grüningen liegt Friedberg, und dort gewahre ich auch unter den ein- zelnstehenden Bäumen die Stätte, wo Ney am 21. April 1797 von den Oesterreichern gefangen wurde. Weiter vorn zeigen sich die Dörfer Watzenborn und Steinberg. Rechts win- ket mir Giessen, umgeben vom Vetzberg und Gleiberg, vom Dünsberg und Wettenberg.

Nun trete ich durch das Pförtchen in den Hof der wei- land Kommende. Gerade mir gegenüber sehe ich die uralte Kirche, mit ihrem in der Mitte sich erhebenden, niedrigen, achteckigen Thurm. Die eine Abseite der Kirche ist jetzt in eine offene Halle verwandelt worden. Im Inneren der Kirche deren Raum durch Zubauten ganz verengt worden ist, befin- det sich gar wenig alte Plastik, in der Mitte ein Taufstein aus Tuff. Eine zerschlissene alte Fahne, noch über dem weiland Altare befestigt, weht wie ein Panier der Zerstörung in der Zugluft; der kalte Grabesboden der Vergänglichkeit spielt mit ihren letzten verblichenen Fasern. Ich denke: um Mitternacht steigt der Kommenthur, der sie dem Feinde abge- wann, aus seinem Grabe und greift nach ihr hoch hinauf, um sie mit sich hinabzunehmen in sein steinernes Haus? denn es jammert ihn, wie sie so verloren und einsam in der ent- weihten Kirche über den aufgewühlten, zerbrochenen Steinen Wache hält:komm', du letztes Kleinod unserer Herrlich- keit«, flüstert er zu ihr hinauf;komm', und ruhe auf mei- nem Herzen.« Aber vergeblich müht er sich ab, sie zu errei- chen; die Glocke schlägt eins und der Todte muss unwillig wieder hinabsteigen zu seinen schlafenden Brüdern. Mich gemahnt diese Fahne in der düstern Kirche, als wäre sie selbst eine Leiche.

Es ist interessant, den alten Kirchenbau umwandelnd zu betrachten; leider aber ist es unmöglich, alle einzelnen Theile