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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
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Spaten für das Grab der Hierarchie schon immer tiefer und tiefer eingebohrt hatte. Ich habe gewiss nicht übertrieben, in- dem ich das allgemeine Sittengemälde auf dieses einzelne Stift übertrug. Ich kann einen Gewährsmann vor mich hin- stellen, dem man wohl glauben wird, weil er selbst ein Geist- licher ist; nämlich den Erzbischof Balduin von Trier(im 14. Jahrhundert) unter dessen Sprengel Schiffenberg wie Giessen gehörte. Der beste Beweis für die Treue des Bildes ist der, dass der strenge Erzbischof daran verzweifelte, den Lebens- wandel der dortigen Chorherrn in strengere Gleise zu bringen. Desshalb übergab er denn die geistliche Stiftung zu Schiffenberg dem deutschen Ritterorden zu Marburg, mit der Bedingung, dass dieser zwölf geistliche Ordensbrüder und darunter wenigstens sechs Priester zu Schiffenberg halten solle, eine Bedingung, welche im Jahre 1325 die Abände- rung erlitt, dass nur sechs geistliche Brüder und darunter drei Priester und sechs Ritter in Schiffenberg wohnen sollten und zwar die geistlichen Brüder unter einem Propst, die Ritter unter einem Kommenthur. Der deutsche Orden rech- nete damals die Ballei Hessen zu seinen bedeutenderen Balleien. Seit dem Jahre 1233 war er in Marburg ansässig, wo der fünſte Meister, Landgraf Konrad von Thüringen, unter thätiger Mitwirkung seiner Ordensbrüder und der hessischen Ritterschaft den Grundstein zu der Elisabethskirche gelegt hatte, in welcher er selbst, so wie viele Landgrafen und deutsche Herrn begraben liegen und die Wappen der Land- kommenthure aufgehängt waren. Die Ballei Hessen bestand aus der Landkommende Marburg, der Kommenthurei Griff- städt in Thüringen, der Kommenthurei Flörsheim in der Pfalz und der Kommenthurei Schiffenberg. Bei der Ueber- gebung Schiffenbergs an den Orden der deutschen Herrn war das Nonnenkloster Zelle ausgenommen gewesen, des erhielt einen eigenen Propst und musste die Hälſte seiner Güter an Schiffenberg abtreten. Was hatte aber diese»Emanzipation der Frauen« von den Herrn zur Folge? Die armen Nonnen waren, wie es scheint, keine guten Hausfrauen und verstan- den die Wirthschaft so schlecht, dass ihr Kloster schnell in Abnahme kam. Kein adeliges Fräulein hatte Lust sich bei