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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
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. die 20 Huben auf 30 ausgedehnt; die auf dem angerodeten Lande angelegten neuen Dörfer, Steinbach, Watzenborn und Gariwarthsteich(das heutige Garbenteich) nebst zwei anderen, Lotthen und Kronebach,(die längst eingegangen sind) wurden nach Schiffenberg eingepfarrt. Ausser diesem Chorherrnstift auf der Hõhe des Schiffenberges wurde später am Fusse desselben ein Nonnenkloster,»Zelle gestiftet, dessen im Jahre 1274 zuerst erwähnt wird; es stand unter dem Propst des Chorherrnstiftes, welches Landgraf Heinrich I(»das Kind«) nach Erkaufung der Herrschaft Giessen von dem Pfalzgrafen von Tübingen, mit mancher Schenkung trefflich bedachte. Wie es nun den reichen geistlichen Herrn auf dem Schiffen- berge so wohl erging, auf dass sie sich, unbekümmert um die Sorgen des zeitlichen Lebens, um so besser mit jenen für das ewige befassen möchten, war ihnen das erstere doch immerhin gut genug. Statt sich zu käasteien, Seelmessen zu lesen, und Tag und Nacht zu beten, sassen sie lieber in ritter- licher Tracht auf schönen Rossen, hatten die Armbrust auf dem Rücken und den Falken auf der Faust und ritten zum edlen Waidwerk in den Wald hinaus. Und kamen sie von der Jagd heim, so stand ein ausgesuchtes Mal gerüstet, wobei die Kunst des Koches allen Fastengeboten Trotz bot; da floss feiner Wein, reichlicher als vonnöthen; Saitenspiel, Gesang und Lachen erscholl im Refector. Oder sie ritten zu Hofe und tändelten dort gerne mit schönen Frauen. Der Cölibat war zwar eingesetzt, aber wer mochte das Gebot so genau nehmen?Keine Regel ohne Ausnahme! dachten diese geist- lichen Herren, und so kam's unvermerkt dahin, dass die Aus- nahme bei ihnen zur Regel wurde, zu einer Regel, an die der heilige Augustin wohl nicht gedacht hatte. Kurz es war ein Leben in Saus und Braus auf dem Schiffenberg. Nun die lustigen Chorherrn dort waren nicht die einzigen Geistlichen in damaliger Zeit, welche sich hier auf Erden einen Vor- schmack des ewigen Lebens bereiteten, wo der Himmel nach dem Volksspruch voll Geigen hängt. Die Entartung der Geist- lichkeit war etwas sehr Gewöhnliches, wie heſtig auch die- jenigen höher gestellten Männer desselben Standes dagegen eiferten, welche wohl einsahen, dass diese Entsittlichung den