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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
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Wir überschreiten jetzt den schmalen wankenden Steg, der hier über die Lahn führt, um zu dem

Afenberg

hinan zu steigen. Der Weg durch den breiten Hohlweg bis zu der Ecke des an die Lützelmark sich schliessenden Waldes ist nicht weniger als anmuthig. An der Waldesecke angelangt, seh' ich jetzt, etwas bedenklich, die ziemlich steile kahle Kuppe des Altenherges vor mir, die noch zu ersteigen ist; aber mein Freund, der die ganze Gegend genau kennt, ver- sichert mich, die Aussicht vom Gipfel sei so lohnend, dass ich die kleine Mühe des noch übrigen Klimmens nicht bereuen würde. Nun den, frischen Muth! Ich bin von uns beiden am ersten oben und wahrlich: mein Freund hat nicht über- trieben. Unzweifelhaft stand einst auch hier eine Burg, denn im ganzen Umkreise des Gipfels erkenne ich deutlich die Spuren des Mauerwerks; die Geschichte schweigt indessen gänzlich darüber. Ich blicke hinab in das Lahnthal zu meinen Füssen, wie es rings von reizenden Gebirgsgruppen um- schlossen ist nnd rufe freudig:Dort seb' ich ja Marburg: Die Sonne beleuchtet gerade das Schloss auf dem Berge und die Stadt unter demselben so günstig, dass sich fast jedes Ge- bäude deutlich erkennen lässt. Begeisternd weht der Odem der Geschichte vom fernen Marburg zu mir herauf und die Gestalten der Vorzeit wandeln durch's Thal. Ich sehe die fromme Dulderin Elisabeth mit ihren zwei Fräulein, ich sehe ihren ge- waltthätigen Schwager, den Landgrafen Heinrich Raspe und den wackern Rudolf von Vargula, wie er ihm als deutscher Mann Stirn an Stirn die Wahrheit sagt; ich sehe den fanatischen Ketzer- richter Konrad von Marburg, dessen Angedenken noch heute der Ketzerbach im Volke lebendig erhält; ich sehe das Kind von Brabant und die lange stattliche Reihe der Kommenthure und Ritter des deutschen Ordens, der dort eine Landkommende besitzt. Jetzt schreitet Philipp der Hochherzige in seiner Kraft voran; er gründet(1526) die Universität und sucht zwei Männer zu versöhnen, beide die Vorfechter der Glaubensfreiheit, beide gewaltig von Willen und entzweit über eine religiöse Frage;