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keiner von beiden weicht von seiner Ueberzeugung; da reichen sie sich die Hände und scheiden von einander und das Mar- burger Religionsgespräch bleibt ohne Folgen, zur Freude aller Feinde der Reformation. Auch einen Mann der Gegenwart sehe ich— im Geiste— vor mir, der dort im Schlosse sitzt, und zu dem der innige Ostergruss des Dichters hinaufklingt! Da verhüllt eine dunkle Wolke die Sonne. Ich kann das alte Schloss nicht mehr erkennen; ich mag's auch nicht, und hebe die Blicke zu dem hohen Frauenberg im Hintergrunde, wo auf dem Gipfel eines ausgebrannten Vulkans die hohen Mauerreste des Schlosses ragen, welches die Herzogin Sophie von Brabant (die Tochter der heiligen Elisabeth) zwischen 1254 und 1256. erbaute, um sich gegen die feindlichen Angriffe, besonders von der nahgelegenen, damals kurmainzischen Feste Amöneburg zu sichern; weil eine Frau es erbaut, ward das Schloss»Frauen- berg« genannt. Jetzt schweifen meine Blicke zur Amöneburg hinüber, deren Gebäude sich eben jetzt in schärferen Umrissen von dem Horizont abscheiden. Nun folgt mein Auge dem mäandrischen Laufe der Lahn und erkennt an deren linkem Ufer im Mittelgrunde Bellenhausen, dann weiter vor Frie- delshausen, das einst dem Herrn von Rollshausen gehörte. Da gedenk' ich jenes tapferen Kriegshauptmanns Rollshausen, der zu Zeiten Philipps des Hochherzigen in Frankreich focht, und von dem allerlei Züge im Volksmunde lebten. So heisst's: „er sey in seiner Jugend sehr arm gewesen, also dass er den Pflug unterweilens geführt; endlich sei er des elenden Feld- lebens überdrüssig worden und hätte gehört, dass eine Trom- mel gerühret und Werber da seien. Da er von seiner Mutter Abschied genommen, hätte ihm diese achtzehn Turnos gegeben und gesagt:»Lieber Sohn, ich habe nicht mehr, ziehe hin, Gott gebe dir Glück und Ehr.“ Und der Mutter Segen habe sich auf seinem Haupt erfüllet. Auch erzählte man sich, wie er aus Frankreich viele Maulthiere, mit Kronen beladen, in's Hessenland geschickt und ein Haus erbauet habe, so damals „klein Frankreich“ genannt worden; endlich die Antwort, die der alte Kriegsmann dem Grafen von Nassau gab.»Es hätte nämlich ein Graf von Nassau in seiner Krankheit die Einbil- dung bekommen, wenn er einen solchen ihm wohlgeschmeckten


