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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
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in der engen Stube quälend umringen. Auch hier vor diesem Bilde könnt ihr freudig beten, dem grossen Meister huldigend, der es schuf; hier stimmt das fühlende Herz in Mahlmanns Worte ein: Du hast deine Säulen dir aufgebaut Und deine Tempel gegründet!-

Doch, um diess Bild in seiner ganzen Ausdehnung zu be- trachten, lasset uns den Thurm besteigen. Die Zinne ist erreicht; welcher Anblick! Hier bleibt nur ein Herz kalt, das nie erwarmen kann. Versuch' ich's auch hier, das Bild durch Worte nachzuschildern? Ich will wenigstens die Perlen in diesem Kranze erfassen und sie am geistigen Bande aneinander- reihen; so wird diess vielleicht ein Leitfaden für Befreundete.

Ich nehme auf der Zinne den Standpunkt, von wo aus das Auge seine Wanderung in der Runde beginnen soll, so, dass Crofdorf, das hübsche Pfarrdorf, welches(nebenbei bemerkt) schon zur Zeit der Karolinger erwähnt wird, die Mutterkirche Gleibergs, gerade unter mir liegt. Eine Strasse führt an den Wald, und an der Strasse steht eine alte Stein- säule mit dem Wappen von Merenberg und Nassau. Das ist das sogenannte»Frauenkreuz«, von dem die Sage geht: einst habe auch eine Kapelle dabei gestanden(und allerdings sind noch Spuren von Mauerwerk da) und beide, Säule und Kapelle, seien errichtet worden zum Gedächtniss und zur Sühne, weil ein Graf(von Gleiberg oder von Nassau) hier seine Hausfrau ermordet habe. Hinter dem Crofdorfer Walde zeigt sich kaum erkennbar einer der höchsten Berge des sogenannten»Hinter- landes«; doch da ich der Schärfe meines Auges und der meines Fernrohrs nicht traue, so will ich seinen Namen nicht bestim- men. Nun zieht sich die Linie des Gebirges in sanften, kaum merklichen Schwingungen nach rechts. Da seh ich den spitzen Frauenberg bei Marburg, dahinter etwas weiter rechts den hohen Lohr, noch weiter rechts ganz deutlich die Amöne- burg, wo Winfried-Bonifacius einst das Kreuz für Hessen gepflanzt und das Gotteshaus gegründet hatte. In gerader Richtung, unterhalb dem Frauenberg liegt näher zu mir heran die kahle Höhe des Altenberges, und weiter hin rechts, ungefähr unter Amöneburg, Wissmar. Jetzt zeigt sich die Lahn,