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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
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(bemerkt Leo weiter) in der Regel frei von anstossenden Gebäuden, an die Mauer angebaut und auf dem kühnsten Vor- sprung des Burgraumes. Beides letztere trifft auch hier zu; in Bezug auf das erstere findet hier eine Ausnahme von jener Regel statt, wiewohl es möglich ist, dass der Thurm ursprüng- lich frei gestanden und die Mauer später daran gebaut worden. Hat doch die ganze Burg im Verlauf der Jahrhunderte und unter verschiedenen Besitzern so mancherlei Veränderungen und Anbauten erfahren! So zeigt auch,(wie Nebel bemerkt) der Burgzwinger Brustwehren mit Umgängen, eine Befestigungs- weise, welche man erst im späteren Mittelalter findet; so liessen die Grafen von Nassau, seit dem 14ten Jahrhundert Besitzer

der Herrschaft und der Burg, ein neues Schlossgebäude auf-

führen, dessen Küche noch ziemlich erhalten ist. Und da die Burg bis in die Zeiten des dreissigjährigen Krieges bewohnt war, so lässt sich denken, dass bis dahin von Zeit zu Zeit manches verändert, oder neu angebaut wurde, wie es die Be- quemlichkeit oder der Geschmack der Besitzer verlangte.

Ich denke mir aber jetzt diesen Burghof so, wie er wohl in der allerfrühesten Zeit aussah. Da steht der hohe Thurm frei, daneben das Hauptgebäude noch etwas niedrig und ge- drückt, durchaus noch mit dem Gepräge des Zweckes der Beschützung; der Palas ist noch das Heiligthum des Hauses, wo der Herd als geweihter Mittelpunkt steht, wie im»Saal« der germanischen Urzeit. Die Gewölbe sind noch breit und rundbogig, die Fenster nicht hoch, aber schmal, und jedes besteht aus zwei durch eine kurze dicke Säule getrennten, im Halbkreise überwölbten Bogen, über welchen sich ein um- fassender dritter Rundbogen spannt. Die Sitte der Bewohner und der Styl ihres Schutz- und Trutzhauses stimmen gut zu dem Berge, aus dessen Gipfel unterirdische Glut die mächtigen Basaltsäu- len hervorgetrieben; die Urkraſt des Menschen stützt sich hier auf die Urkraft der Natur. Und im ersten Dämmerlicht der Geschichte seh' ich in diesem Burghof hier starke, trotzige Männer wandeln, Stammesvettern jenes Königs Konrad, Her- zogs von Ostfranken, welcher sterbend(918) seinen Bruder Eberhard bat die Krone dem Sachsenherzog Heinrich zuzu- wenden, und eben dieses Eberhard, der es versprach und hielt,

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