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das»Berchfrit« Der Palas nahm in der Regel die eine Seite des Burghofes ein und war sowohl dem Gebrauch als auch dem Umfange nach das Hauptgebäude mit einem weithinschim- mernden Dache, mit einem Halbsouterrain im unteren Stocke und der Thüre im oberen, zu welcher von aussen eine Treppe hinanführte; er war ein grosser Saal, an welchen sich zu bei- den Seiten die kleineren Gemächer, die„Kemenaten« reihten; in den breiten Fensternischen des Palas hatten die Frauen ihre Ehrenplätze. Die Wände waren zuweilen mit Teppichen be- kleidet, der Fussboden in der wonnigen Frühlingszeit mit duf- tigen Rosen überstreut. Die Kemenaten waren aber nicht etwa blos mit dem Palas verbunden, sondern auch mit den aus den Umfassungsmauern vorspringenden Thürmen; und die streng abgesonderte Wohnung der Frauen,»der Frouwen Heim- liche,« wird»die Kemenate« schlechthin genannt. Hier auf dem Gleiberge sind die Grundmauern des stattlichen Palas noch gut zu erkennen; die Formen tragen das Gepräge jenes massiven Baustyls, den man den byzantinischen nennt, beson- ders auffallend sind die Reste zweier Gewölbe und Nischen, welche Nebel für die Ueberreste der kleinen Burgkapelle hält. Das»Berchfrit« war(nach Leo's Angabe) ein hoher empor- ragender Thurm, in welchem man durch Treppen in die Höhe stieg, der aber keinen Eingang gleicher Erde hatte, sondern ein Stockwerk hoch. So hatte auch der runde Thurm hier auf dem Gleiberg ursprünglich keine Pforte gleicher Erde. Die jetzige wurde durch die sieben Puss dicke Mauer erst in neuester Zeit gebrochen, nachdem im Jahre 1838 eine Gesell- schaft von Natur- und Alterthumsfreunden in Giessen für die Erhaltung dieses grossartigen Denkmals einer längst entschwun- denen Zeit Sorge zu tragen beschlossen hatte. In ganz kurzer Frist kam eine beträchtliche Summe zusammen, welche König Friedrich Wilhelm III. von Preussen, auf dessen Gebiet der Gleiberg liegt, vervollständigte. Alsobald wurde nun rüstig „Hand an's Werk gelegt, nach vorhergegangener genauer Be- rathung jene Pforte in den Thurm gebrochen, im Inneren des- selben eine ebenso zweckmässig konstruirte als bequeme und gefahrlose, massive Holztreppe angelegt, die Zinne ummauert und mit einer Fallthüre versehen.— Das„Berchfrit war


