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Ortes; die Häuser wie auch die Peterskirche im alten Dorfe Selters werden niedergerissen, damit die neue Festung keinen haltbaren Ort in der Nachbarschaſt habe. Und, wie der klare, kräftige Geist es gewollt und angeordnet, so wird das Werk vollbracht; nach Verlauf von vier Jahren stehen die Werke festgemauert, die Wälle, die tiefen Gräben fertig zu Schutz und Trutz. Aber nur wenige Jahre vergehen, da bricht das Unglück über die Protestanten herein; da lässt Kai- ser Karl V. den Landgrafen, diese starke rüstige Rechte des Protestantismus, in Haft halten und die hessischen Festungen schleifen. Dieses Schicksal muss auch Giessen(1547) theilen und der Graf von Solns, als kaiserlicher Kommissär, entledigt sich mit grossem Diensteifer des ihm gewordenen Auſtrages, die Befestigungswerke Giessens zu zerstören. Wie aber Phi- lipp in Folge des Passauer Vertrages von 1552 nach fünfjäh- riger harter, oft unerträglicher Haft in sein Land wiederkehret, da greift der vielgeprüfte Fürst, ungebeugten Sinnes, den alten Plan wieder auf, und beginnt(1560) den Bau der Festungs- werke Giessens auf's neue. Wie viel Treue, wie viel Auf- opferung des Volkes liegt innerhalb des Kreises, der jene „Kustodie“ des Landgrafen umschliesst! Und wie viel ächt fürstliche Gesinnung liegt wieder in seinem Testament bewahrt, in den Eemahnungen an seine Söhne: dem evangelischen Glau- ben, dem Recht und sich selber treu zu bleiben!
Durch die Landestheilung Hessens nach Philipps Tode (1567) steht nun das Oberfürstenthum Hessen mit Giessen unter dessen siebentem Sohn, dem Landgrafen Ludwig IV. von Hessen-Marburg. Dieser erbaut in Giessen ein fürst- liches Schlossund überweist die alte Burg dem Stadthaupt- mann zur Wohnung; er baut ferner die steinerne Brücke über die Lahn und(1586) das geräumige Zeughaus mit sei- nen vielen hohen Giebeln, ein treues Denkmal des verfallen- den Geschmackes in jener Zeit. Da stehen die metallenen Geschütze mit ihren drohenden Umschriften, da prangen in zierlicher Ordnung die Schwerter und Hellebarden und, wie in Schlachtreih gestellt, blitzen die reichen Rüstungen. Er sorgt für die Verbesserung der Festungswerke, wie die von Petrus Paganus verfasste Inschrifſt auf dem Selzer Thore besagte:


