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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
Seite
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Andern bedenklich zögern, und durch Beharrlichkeit im Leiden doppelt ehrwürdig. Wie erhebt die unerschütterliche Treue der Hessen für ihn! Er verdient sie durch jene Treue, welche er selbst der höchsten Idee seiner Zeit auch noch im Kerker bewahrt. Er ist ein durch und durch deutscher Charakter, gross und bewusst als Fürst in jeder Epoche seines wechselvollen Lebens. Seine Worte in Worms zu Luther, seine Worte in Augsburg zu Karl V., sein Streben, Luther und Zwingli zu versöhnen, seine kühne That für den Gastfreund Ulrich von Würtemberg, die Volksüberlieferung von jener Münzle- gende:»besser Land' und Leut verloren, als einen falschen Eid geschworen, sein Leben in der niederländischen Haft; welche Blüten für einen Kranz! Noch heute strömt ihr Duft Begeisterung.

In welcher völlig veränderten Gestalt zeigt sich nun das Bild Giessens zur Zeit Philipps des Hochherzigen! Vier Jahre, bevor er den evangelischen Gottesdienst in Marburg einführte und die Leiche seiner Ahnfrau, der heiligen Elisabeth, einer abergläubischen Verehrung entzog, findet Luthers Refor- mation in Giessen Eingang(1535). Daniel Grieser ist dort der erste evangelisch-lutherische Prediger. Der Landgraf erfasste hohen Sinnes vorzugsweise in der Reformation ihr erhaltendes Prinzip. Wodurch ein erhaltendes? Durch Volksbildung, durch Volksveredlung. Dieses Prinzip, in Philipps Herzen festwur- zelnd, trieb in der Stiftung der Universität Marburg eine der edelsten Blüten. Es wirkte heilsam auf das ganze Schulwesen; es brachte durch Stiftung von Spitäler den Leidenden, den Kranken und Hilflosen Trost und Linderung, und es befestigte das auf wechselseitiges Vertrauen begründete, innige Verhält- niss zwischen dem Fürsten und dem Volke. Als Fürst, der es gewagt hatte, für die Behauptung einer Idee der ganzen Macht eines Karls V. gegenüberzutreten, sucht Philipp sein Land auch für alle Wechselfälle des Geschickes zu schützen. Desshalb befestigt er die wichtigsten Orte Hessens mit Ein- sicht, Sorgfalt und jener durchgreifenden Raschheit, die den entschiedenen Charakter bekundet. So wird auch Giessen in eine Festung verwandelt! Philipp beginnt das Werk 1530, und dabei entgeht seinem geübten Blick keine Gelegenheit des