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habenheit hat stets auch auf das Zunehmen der politischen Bedeutung einer Stadt für's Land wichtigen Einfluss, denn sie dient dem Selbstgefühl als Pfeiler, wenn auch nicht als Fun- dament; dies bleibt stets die Gesinnung. Und die Gesinnung ist in Giessen eine unwandelbare Liebe zum Fürstenhause. In der verhängnissvollen Zeit der Irrungen zwischen den beiden Brüdern, dem Landgrafen Ludwig dem Freimüthigen und Hein- rich III, steht die Stadt Giessen(1469) in der Reihe der Vermittler. Nach dem Tode des Landgrafen Wilhelm II. soll sie mit Kassel, Marburg und Eschwege dessen letzten Willen vollziehen;— Beweise der höheren Bedeutung, welche sie errungen hat, der achtunggebietenden Stellung, welche sie im Lande behauptet.
Was rauschen die Wasser plötzlich so mächtig? Das klingt wie Gesang von alten Helden, wie ein hohes Lied von deutscher Kraft und Herrlichkeit! Welche Zeit, o Nixe, sahst du so sonnig über dir aufgehen, dass du alle Töne der Freude so hell und voll austönen lässest?
Der Frühling kommt, mit Helm und Speere, Ein leuchtend Schwerdt in seiner Hand; Er zieht heran für deutsche Ehre, Sein Ruf: Ein freies Vaterland! Nicht länger soll in dumpfen Mauern Des Volkes allgemeiner Hort, Der Geist— als ein Gefangner trauern, Nicht länger sei gebannt, o Wort! Da spannt der Lenz den goldnen Bogen, Die Pfeile fliegen weit und breit; Und Fürsten kommen hergezogen Zu ihm als ritterlich Geleit. Sie reichen sich die starken Rechten, Und freudig ruft ihr bester Held: „Die Wahrheit treulich zu verfechten Gilt mehr als alles Gut der Welt!“ 3
Das sind die Grundklänge des hohen Liedes: Reformation, und stark hallt ein Fürstenname hindurch: der Name Philipps des Hochherzigen. Wie durchgreifend tritt seine markige Gestalt aus den zahlreichen Gruppen seiner Zeit in den Vor- dergrund, zur rechten Zeit handelnd, entscheidend, wo die


