Jahrgang 
14-26 (1877)
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Illuſtririe Chronit der Zeit.

Bleibe Du hier, ſagte der Baron raſch,der Diener ſoll in's Schloß und den Wagen anſpannen laſſen, ich gehe am Forſt⸗ hauſe vorbei und fahre, wenn der Förſter noch nicht heimgekommen iſt, zur Stadt, um die Beamten zu holen. Den Diener werde ich Dir mit einem zweiten Frühſtück zurückſchicken, es könnte Nachmittag werden, bis ich wieder hier bin.

Er wartete keine Antwort ab, haſtig ſchritt er mit dem Diener von dannen; Theobald nahm die Büchſe ſchußfertig in den Arm und durchſuchte die nächſte Umgebung. So ſehr er ſeine Augen auch anſtrengte, er konnte nichts Verdächtiges entdecken, nicht das Geringſte, was das Verſchwinden des Förſters in irgend einer Weiſe hätte erklären können.

Auf dem moosbewachſenen Stein, der die Höhle des Müllers bedeckte, ſaß er lange, ohne zu ahnen, wie nahe er der Löſung des Räthſels war, die der Förſter ſo lange vergeblich geſucht hatte.

Vielleicht war der Verdacht gegen den Müller durchaus un⸗ begründet, das Verſchwinden des Förſters fand möglicherweiſe eine befriedigende und ganz natürliche Löſung. Der Förſter hatte eine Fährte verfolgt, der junge Hund verlor die Fährte, im aufwallen⸗ den Zorn darüber erſchoß der alte Mann das Thier weshalb ſollte das nicht in der Möglichkeit liegen?

Der Förſter hatte dann die Verfolgung auf's Gerathewohl fort⸗ geſetzt, vielleicht in der Stadt übernachtet, wie das ja von dem Baron ſchon angedeutet war.

Aber trotz alledem ſtieg der Verdacht gegen den Müller immer wieder in der Seele des jungen Mannes auf, er ließ ſich nicht be⸗ ſeitigen.

Ein Menſch, der ſo tief geſunken war, wie Valentin Krumm, bebte gewiß vor einem Verbrechen nicht zurück, wenn es für ihn zur Nothwendigkeit wurde; zudem konnte man nicht wohl annehmen, daß beide Schüſſe dem Hunde gegolten haben ſollten. Ein ſo tüch⸗ tiger Schütze, wie der Förſter, ſchoß auch im Augenblick leiden⸗ ſchaftlicher Aufwallung nicht fehl, der erſte Schuß aus ſeiner Büchſe hätte unfehlbar den Hund getödtet. Der Diener kehrte gegen Mittag mit dem Frühſtück zurück, er brachte die Meldung, daß der Förſter noch nicht heimgekehrt und der Baron in Folge deſſen zur Stadt gefahren war, um die Gerichtsherren zu holen.

Wieder verſtrichen Stunden, endlich wurden in der Ferne Stimmen laut, und bald darauf traten die Gerichtsherren, von dem Baron geführt, auf den Schauplatz.

Der Polizeikommiſſär, der die Gerichtsbeamten begleitete, begann ſofort damit, den Schauplatz ſelbſt und die nächſte Umgebung einer genauen Unterſuchung zu unterwerfen, während Staatsanwalt und Unterſuchungsrichter die Lage des Hundes und die Wunde ſelbſt beſichtigten.

Es wurde feſtgeſtellt, daß der Schuß in nächſter Nähe ab⸗ gefeuert worden war, und daß der Hund ſich in angreifender Stellung befunden haben mußte; hieraus ließ ſich der weitere Schluß ziehen, daß nicht der Förſter, ſondern ein Anderer, ein Feind des Hundes, das Thier erſchoſſen hatte.

Man fand die Kugel noch in dem Kadaver, ſie wurde heraus⸗ gezogen, und der Baron ſowohl wie Theobald erklärten ohne Be⸗ denken, unter den Feuerwaffen des Förſters befinde ſich keine, die ein ſo großes Kaliber habe.

Der Baron hatte ſchon unterwegs den Herren über die muth⸗ maßliche Perſon des Wilddiebs und die Behauptungen des Förſters, inſoweit ſie ſich auf den Müller bezogen, Bericht erſtattet, und da die Nachforſchungen des Polizeikommiſſärs reſultatlos geblieben waren, ſo beſchloß der Staatsanwalt, ohne Verzug in der Mühle Hausſuchung zu halten.

Man ſchritt auf dem nächſten Wege dahin, und da dieſer Weg nicht an der Höhle des Müllers vorbeiführte, ſo entging das Ge⸗ heimniß des Letzteren abermals einer großen Gefahr, zumal der Scharfblick des Kommiſſärs in der Aufſpürung dunkler Verbrechen eine gewiſſe Berühmtheit erlangt hatte. Als ſie die Mühle er⸗ reichten, öffnete Valentin Krumm ſelbſt ihnen die Hausthüre, er lächelte höhniſch beim Anblick des Barons.

Hegen Sie wirklich den ehrenwerthen Vorſatz, mich aus meinem Hauſe zu vertreiben? fragte er mit ſchneidender Bosheit.Wenn die Herren hier pfänden wollen, ſo muß ich Sie darauf aufmerkſam machen, daß mein ganzes Mobiliar ſchon verpfändet iſt.

Führen Sie uns in Ihr Wohnzimmer, befahl der Staats⸗ anwalt kurz,wir kommen in einer anderen Angelegenheit.

Der Müller öffnete eine Thüre, zögernd blieb der Polizei⸗ kommiſſär auf der Schwelle des Zimmers ſtehen.

Bewohnen Sie allein die Mühle? fragte er.

Mit meiner Frau und meinem Kinde.

Wo ſind dieſe? In der Küche. Dienſtboten haben Sie nicht?

Dienſtboten? erwiederte Valentin höhniſch.Ich habe keine Arbeit und kein Brod für ſie. Aber was ſoll das Alles? Wenn der Baron mich aus der Mühle vertreiben will, ſo muß er zuvor ein Urtheil haben, und da ich ihm nichts ſchuldig bin, ſo wüßte ich nicht, wie er ſich das Urtheil verſchaffen könnte.

Der Kommiſſär hatte, ohne ihn anzuhören, ihm den Rücken gewandt und ſich entfernt, der Müller hörte draußen auf den Stein⸗ platten des Flurs Säbel klirren, er konnte daraus entnehmen, daß Gendarmen das Haus beſetzt hielten.

Am Tiſch ſaß ein Schreiber, dem der Unterſuchungsrichter mit leiſer Stimme einige Sätze diktirte, die beiden Barone ſtanden am Fenſter, und der Staatsanwalt reinigte die Gläſer ſeiner Brille.

Werde ich nun endlich erfahren, was das Alles zu bedeuten hat? fragte Valentin Krumm in barſchem Tone.Dieſes Haus iſt noch mein Eigenthum

Schweigen Sie! unterbrach der Staatsanwalt ihn.Sie haben nur die Fragen zu beantworten, die an Sie gerichtet werden. Sie heißen Valentin Krumm, nicht wahr?

Jawohl.

In hieſiger Gegend geboren?

Nein.

Alſo von draußen eingewandert? Wie lange ſind Sie jetzt hier?

Es können zehn Jahre ſein, erwiederte der Müller, der den Zweck dieſer Fragen noch immer nicht zu verſtehen ſchien,ich bin als Müllerburſche hier eingewandert, und daß mein Unſtern mich gerade in dieſes Haus geführt hat, das verzeihe ich dem Schickſal nie. Der Müller war kurz vorher geſtorben, die Müllerin und ihre Tochter

Sie haben die Tochter geheirathet, dadurch wurden Sie Eigen⸗ thümer der Mühle, und wenn Sie ein ordentlicher Menſch geweſen wären, ſo müßten Sie heute ein vermögender Mann ſein!

Wie leicht das geſagt iſt! ſpottete der Müller.Auf der Mühle ſtand ſchon ein Kapital, als ich ſie übernahm, man hatte mir die Schuld verſchwiegen, ich erhielt erſt ſpäter Kenntniß davon.

Wie groß war dieſe Schuld?

Tauſend Thaler.

Nicht der Rede werth! Sie hatten alſo jährlich fünfzig Thaler Zinſen zu zahlen, dieſe kleine Summe konnte kaum in Betracht kommen. Sie haben vor zwei Jahren ſchon die Arbeit eingeſtellt, weshalb? 7

Weil ich keine Arbeit mehr hatte!

Und woran lag das?

An mir gewiß nicht, erwiederte Valentin, indeß aus ſeinen glühenden Augen ein Blick des Haſſes den Baron traf.Der Dampfmüller mit ſeinen engliſchen Maſchinen arbeitete raſcher und billiger, und die Bauern gehen immer dahin, wo es am billigſten iſt. Ich habe an dem alten Arbeitslohn feſtgehalten, betrügen wollte ich die Leute nicht, und ohne Betrug konnte ich nicht billiger arbeiten.

Sollten nicht andere Gründe die Verarmung herbeigeführt haben? fragte der Staatsanwalt mit ſcharſer Betonung.Man behauptet, Sie hätten die Schenke zu fleißig beſucht

Später! Ich that's aus Aerger, um dem häuslichen Unfrieden zu entgehen.

Und wovon lebten Sie in all' der Zeit, in der Sie nichts verdienten?

Wovon? Ich habe Schulden gemacht, es ging ja nicht anders.

Hatten Sie gar keine Einnahmequelle? 3

Nein.

Sagen Sie die Wahrheit! Sie wohnen hier dicht am Walde, und der Herr Baron v. Frankendorf behauptet, ſein Wildſtand ſei in den letzten Jahren durch einen ihm unbekannten Wilderer ruinirt worden

Und dieſer Wilderer ſoll ich ſein! erwiederte Valentin mit ſchneidendem Hohn,ich kenne die Verleumdung! Der Förſter hat mir immer was am Zeuge flicken wollen, er konnte mich nicht leiden, weil ich ſo oft in den Wald ging, um nicht in's Werths⸗ haus gehen zu müſſen. Aber wenn er ſagt, ich habe ihm Wild ge⸗ ſtohlen, ſo iſt das eine Lüge! Ich habe nicht einmal eine Schuß⸗ waffe und mit einem Knüttel ſchlägt man keig Reh todt.

Sie ſtanden mit dem Förſter Keller duf nenn guten Fuße?

Wie wäre das möglich? Ein Mann, der mich verleumdet, kann nicht mein Freund ſein.

Und dieſer Verleumdung wegen haben Sie ihn gehaßt?

Nein, erwiederte der Müller, der ſeine Ruhe bewahrte,ich muß über den alten Strohkopf lachen, aber haſſen kann ich ihn nicht. Vieles gefallen laſſen.

Sie gingen häufig in den Wald?

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Wenn man ein armer Schlucker geworden iſt, muß man ſich⸗

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