doch bin ich die Urſache all ſeiner Leiden und all der ſchrecklichen Dinge. Er hat ſchon dieſe Jahre her immer für mich geſorgt, und es ahnte mich wohl, aber ich wußte es nicht. O, wenn er zu retten wäre!“
„Das iſt er, aber die Schwierigkeit liegt anderswo,“ ſagte ich und ſetzte ihr das ganze Verhältniß auseinander, das ſie auch ſofort richtig erfaßte.„Ich meine nun,“ ſchloß ich dann,„Sie, mein liebes Kind, könnten ein Band werden, das ihn wieder an dieſes Leben feſſelte, Sie könnten ihm zeigen, daß er noch Pflichten auf Erden habe, damit er ſich ergebener in das fügt, was ich ihm zu eröffnen Befehl habe, und darum wünſche ich, daß Sie mich zu ihm begleiteten.“
Sie war bereit, alles zu verſuchen. Wir riefen den Inſpector herein, ließen uns bei dem Gefangenen ankündigen und gingen zu ihm.
Seine Zelle war mit einigen Bequemlichkeiten verſehen, die zwar der Hausordnung nicht ganz gemäß waren, doch ſah ich darüber hin⸗ weg. Als wir eintraten, erhub er ſich, machte mir eine Verbeugung und reichte Philippinen die Hand. Er war groß und hager, ſein dichtes Haar faſt weiß, tiefe Furchen durchſchnitten ſeine Stirn, die erloſchenen, ſchwarzen Augen verbargen ſich faſt unter den ſchwer her⸗ abgezogenen Brauen, und über dem ganzen Geſicht lag der Ausdruck des ſchmerzlichſten Seelenleidens.
„Es iſt recht, Welzer!“ begann ich,„daß Sie Ihre liebe Schwie⸗ gertochter zu ſich entboten haben. Denn das muß Ihnen Philippine bleiben. Die gemeinſame Liebe zu Ihrem ſeligen Sohne muß Sie beide nun für immer verknüpfen.“
Er ſchüttelte den Kopf.„Wird für ſie geſorgt werden? Wird ſie das Meinige erhalten? Und werde ich mein Recht erhalten?“
„Lieber Vater“, bat Philippine,„ſorgen Sie ſelbſt für mich! Erhalten Sie ſich mir! Ich habe ja ſonſt niemand in der Welt. Ich bleibe dann hier in der Stadt und komme ſo oft zu Ihnen, als es mir erlaubt wird.“
„Das geht nicht!“ antwortete er.„Ich bin ein Mann der Schuld und muß meine Schuld zahlen. Erhalte ich mein Recht?“
Ernſt verſetzte ich:„Wollen Sie mit Gott rechten, gegen den Sie ſchon ſo tief in Schuld ſind, wenn Er Ihnen dies Leben noch länger auferlegt? Iſt es Ihnen ſchwerer zu ertragen, als der Tod, ſo iſt es Chriſtenpflicht, von Gott auch die ſchwerere Strafe mit Er⸗ gebung hinzunehmen. Was glauben Sie denn durch Ihren Tod zu erreichen? Meinen Sie, damit Ihre Schuld abzubüßen? Sie ſagen ſelbſt in Ihrem Geſuche an den Großherzog: das hat ein anderer ge⸗ than! Glauben Sie, dieſem großen Opfer für Ihre Sünde noch etwas hinzufügen zu können? So lange Sie das glauben, ſind Sie noch nicht gerettet und haben den Reſt Ihres Lebens bitter nöthig, um zu dieſem Glauben hindurchzudringen.“
Der alte Mann brach in Thränen aus. mir ſchon vielmals geſagt“, rief er.„Aber da ſteht's“— er wies auf eine Bibel—„und hier ſteht's“— er ſchlug an ſeine Bruſt— „was ich meinem Gott ſchuldig bin.“
„Ergebung ſind Sie ihm vor allen Dingen ſchuldig“, verſetzte ich.„Auch hat Er Ihnen neue Pflichten auferlegt. Sehen Sie hier Ihre Schwiegertochter, die ſchon ſo viel gelitten hat. Mit Geld und Gut können Sie es ihr nicht vergüten, wohl aber mit Liebe und Theil⸗ nahme, die Sie ihr nur zu lange ſchon vorenthalten haben.“
„Vater, Vater!“ ſagte Philippine, indem ſie ſeine Hand nahm und küßte.„Weinen Sie nicht! Seien Sie nicht ſo untröſtlich! Es i*ſt ja nun einmal unmöglich, daß der Großherzog ſeine Begnadigung wieder zurücknimmt..
„Sie müſſen ſelbſt einſehen, daß dies unmöglich iſt,“ fügte ich hinzu.„Aber bei den milden Geſinnungen des Großherzogs iſt zu hoffen, daß er die Zeit Ihrer Gefangenſchaft noch abkürzt. Dann ziehen Sie mit Philippine an einen fremden Ort, und Philippine hat noch einen Vater, und Sie haben noch eine Tochter.“
„Mein Gott! mein Gott!“ rief er, indem er weinend und händeringend in der Zelle hin und her ging;„wozu haſt Du mich auf⸗ geſpart!“
Wir redeten ihm auf alle Weiſe zu, aber er war nicht zu tröſten, und ſo entfernte ich mich endlich, um dem Großherzog über die Ausführung ſeines Befehles Bericht zu erſtatten. Während ich mich aber in dem Gefangenhauſe mehrere Minuten aufhielt, weil ich dem Geiſtlichen einige Winke über Welzern geben wollte, ſollte ich noch Zeuge eines äußerſt widerlichen Auftrittes ſein, der mit dem eben erlebten in ſchneidendem Gegenſatze ſtand. Der ausgebrochene Raubmörder wurde nämlich in das Gefänugniß zurückgeliefert.
„O das alles hab' ich
Man hatte ihm Beinſchellen angelegt, aber es wäre das kaum nöthig geweſen, denn er war ſo betrunken, daß er taumelte und unaufhör⸗ lich das roheſte Geſthwätz herausſprudelte.„Ah,“ rief er,„da iſt ſie ja, die alte Spelunke! Ich hab' es nur erſt einmal probirt, wollte mich nur einmal beſaufen, will doch ſchon wieder heraus⸗ kommen, und dann ſteck' ich euch das Dach überm Kopfe an. Iſt das nicht der Pfaffe? Daß er mir nicht in meine Stube kommt, ſonſt dreh' ich ihm den Hals um.“— Einer ſeiner Begleiter ſchlug ihm auf den Mund und hieß ihn ſchweigen. Ob er nicht ſehe, daß der Herr Miniſter gegenwärtig ſei? Sie wollten ihn raſch vorüber⸗ führen, aber es entſtand ein Aufenthalt, und ſo ſchrie er mir zu: „Miniſter? Hol der Teufel den Miniſter! Wenn ich nicht beſoffen wäre, ſo ſollt' er was anders hören. Du Schurke, wer ſagt, daß ich beſoffen wäre, Schurke? Vivat hoch der Großherzog!“— Man riß eine Thür auf und warf ihn hinein. Mit dieſem Mißklange ver⸗ ließ ich das Gefängniß. Als ich an Hof kam, war fürſtlicher Beſuch angelangt, und ich mußte in den Vorzimmern des Großherzogs einige Zeit warten, ehe ich vorgelaſſen werden konnte. Hier trat mir der Hofjägermeiſter in ſehr verdrießlicher Stimmung entgegen.
„Denken Sie,“ ſagte er,„daß der gnädigſte Herr ordentlich unangenehm geworden iſt, weil ich ihn bei der Geburt des Erbgroß⸗ herzogs bewogen hatte, einen gewiſſen Menſchen zu begnadigen, der bald darauf ſelbſt erſchoſſen worden iſt.“
„Meinen Sie den Jäger Johann Keil?“ fragte ich.
„Allerdings,“ verſetzte jener.„Alſo hat Ihnen der Großherzog auch darüber geredet? Die alte Geſchichte ſcheint ihm ſehr im Kopfe herumzugehen, und ich mußte ſonderbare Dinge darüber hören. Nun mein Gott, ja er hatte einen jungen Menſchen erſchoſſen, hatte ihm ſogar aufgelauert, und das bleibt vor dem Strafcodex immer ein Verbrechen. Aber bedenken Sie, daß ihn die Paſſion entſchul⸗ digte. Er liebte, liebte leidenſchaftlich, und wie man mir ſagte, ein außerordentlich reizendes Geſchöpf,— da kommt ein Nebenbuhler, verdrängt ihn, treibt ihn zur raſendſten Eiferſucht— lieber Himmel, wozu iſt der Menſch in ſolchem Zuſtande nicht fähig? Ich ſage, in einem ſolchen Zuſtande, den er nicht in ſeiner Gewalt hat. An ſich kann eine That ſehr ſtrafbar ſein, während doch der Thäter zu entſchul⸗ digen iſt. Aber ich ſehe es Ihnen an:„Sie ſind anderer Meinung.“
„Sie haben es errathen,“ ſagte ich;„und ich meine, daß die Strenge der Gerechtigkeit unter anderm auch dazu dienen ſolle, daß die Menſchen auch in der Leidenſchaft keine Verbrechen begehen.“
„Schon recht,“ erwiderte er.„Aber, wenn nun einmal ein Menſch nicht die ſiſchblütige Tugend hat, ſich im Drang und Feuer der Leidenſchaft des Criminal- und Sittengeſetzes zu erinnern? Muß man denn ſogleich mit Schwert und Kerker bei der Hand ſein? Die Welt würde unerträglich trocken und poeſielos werden, wenn lauter marmorne Moralhelden in ihr herumſtolzirten, wenn es nicht auch liebende, haſſende, leidenſchaftliche Naturen in ihr gäbe.“
Ehe ich ihm hierauf antworten konnte, wurde ich zum Großher⸗ zoge befohlen. Er empfing mich gnädig, aber ernſt, ließ ſich von mir die Ausrichtung ſeines Auftrages berichten und fragte genau nach allem Einzelnen. Ueber die Sache äußerte er ſich weiter nicht und entließ mich bald wieder.
Im Drange mannigfacher Geſchäfte und allerlei Hoffeſtlichkeiten kam mir die Angelegenheit allmählich aus dem Sinue, und es waren mehrere Monate darüber hingegangen, als ſich eines Tages der Ge⸗ fängnißgeiſtliche bei mir melden ließ. Ich hätte ihn, ſagte er, bei meiner letzten Anweſenheit im Gefangenhauſe beauftragt, mir anzu⸗ zeigen, wenn wegen Welzers etwas vorfallen ſollte. Er komme daher, um mir zu berichten, daß der Gefangene heute Morgen im zuverſicht⸗ lichen Vertrauen auf ſeinen Erlöſer verſchieden ſei. Ich erfuhr fol⸗ gendes Nähere von ihm.
Nachdem ſich Welzer überzeugt hatte, daß an die Vollziehung des Todesurtheils nicht mehr zu denken ſei, hatte er einige Wochen in den ſchwerſten inneren Kämpfen zugebracht, welche allmählich ſeine Geſund⸗ heit untergruben. Es ſtellte ſich ein ſchleichendes Fieber mit Ent⸗ kräftung und Blutauswurf ein, und obgleich der Arzt noch gute Hoffnung hatte, gewann der Kranke ſelbſt doch bald die Ueberzeugung, daß er nicht geneſen werde. Von dieſem Augenblicke an verwandelte ſich der Zuſtand ſeines Gemüthes.„Nun weißich,“ ſagte er,„daß mir Gott gnädig ſein will. Er ſelbſt hat das Richtſchwert in die Hand genommen, um mir daruach zu vergeben.“— Der Frieden dieſes Be⸗
wußtſeins breitete ſich ſichtlich über ihn aus. Die treue Philippine
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