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der den Gott der Liebe an: lange noch, recht lange noch wolle er ihnen die heißgeliebten Ael⸗ tern erhalten; recht lange noch die treuen Pfleger und Pflegerinnen ihrer eigenen Jugend im stillen häuslichen Kreise die hohe Wonne schmecken lassen, welche der Hinblick auf ihre in Eintracht und Liebe lebenden Kinder, auf den an Korper und Geist kräftig sich entwickelnden Enkel ge⸗
währet.— In heilige Andacht versunken um⸗ geben sie die frommen Begleiter und Begleite⸗ rinnen, keine Seele ist ungerührt; Aller Herzen schlagen, über den Staub der Erde erhoben, dem Geist der Geister, dem großen Weltenvater entgegen.(Fortsetzung folgt.)
Mittheilungen aus der Geschichte von Polen.
5 rei k. A. C. 350— 750.
Die Poljanen, ein Stamm der Slaven, von dem russischen Jahrbücherschreiber Nestor Liachen genannt, gründeten an der Weichsel, polnisch Wisla, das durch seine unglücklichen Schicksale so merkwürdig gewordene polnische Reich.
Volkssagen nennen den Anführer dieses Sla⸗ venstammes Lech, und melden: dieser Lech sei nach langem SHerumziehen endlich mit seinen Schaaren in eine anmuthige zur Ansiedlung ein— ladende Gegend gekommen, und habe entzückt von deren Schönheit den Seinen zugerufen: Laßt uns hier ein Nest bauen. So wäre denn in dieser zwischen Seen und Hügeln gelegenen Ebene eine Stadt erbaut und Gnesen, Gniezno, d. i. Nest genannt worden. Gelehrig und ta⸗ pfer, zwar raubsüchtig und grausam im Kriege, doch gutmüthig und gastfrei im Frieden sollen jene Slavenhorden gewesen seyn. Weiter mel— den die Volkssagen: Lech wäre der Herrscher des neu begründeten Staats geworden und seine Nachkommen hätten beinahe hundert Jahre lang die Herrscherwürde behauptet. Nach Erlöschung dieses Herrscherstammes hätten zwölf Palatinen (Pfalzgrafen) geherrscht, bald aber ihre Herr⸗ schergewalt mißbraucht und dadurch den Unwil⸗ len des Volkes sich zugezogen. Dieses habe nun einen gewissen Krakus zu seinem Heerführer, Herzoge, erwählt, von welchem die Stadt Kra⸗ kau(Krakow) an dem Einfluß der Rudawa in die Weichsel erbaut und zur Hauptstadt des
Neichs erhoben worden sei. Krakus wird als der Beglücker seiner Unterthanen gepriesen; er lenkte den Staat durch weise Gesetze und war der Schrecken seiner Feinde. Vor seinem Tode soll er befohlen haben, seinen Leichnam auf dem Gipfel eines der Stadt Krakau im Gesichte lie— genden Berges beizusetzen, damit die Einwoh⸗ ner ihren Stifter beständig vor Augen hätten und so ihn in stetem Andenken behalten möchten. Ihm folgten der Sage nach seine Söhne Kra⸗ kus und Lechus; nach diesen erhielt seine Tochter, die herrliche Heldin Wanda, das Herrscherthum. Diese begrub sich selbst, nach einem ruhmreichen Siege über Nithogar, eilen allemanischen König, welcher sie, die stets en Jungfrau zu bleiben gelobt hatte, ehelichn wollke, in den Fluthen der Weichsel. Jetz wurde abermals die Lenkung des Staatsruderz zwölf Palatinen anvertraut, bald aber von diesen auf einen gewissen Lesko übergetragen, welchem noch zwei andere dieses Namens folg, ten. Popiel, der Sohn des letzten Lesko, ver legte den Herrschersitz von Krakow nach Krusch— witz). Dessen Sohn Popiel II., welchem seine zahlreiche Verwandtschaft zur Last war, lud auf Anreizen seiner Gemahlin die meisten ssß ner Geschwister freundlich zu einem Gastmahhe nach Schloß Kruschwitz ein und ließ sie, die nichts Arges Ahnenden, auf grausame Wei se ermorden. Doch das Strafgericht des Weltenherrschers blieb nicht aus.— Um seine Greuelthat zu verbergen, hatte der Wüth⸗ rich die Leichname der Gemordeten unbeerdigt gelassen; diese zogen Mäuseschaaren herbei, welche den Mörder sammt seinen Helfershelfern aufzehrten.
Häuptlinge der Polen walteten nun eine geraume Zeit lang über dem verwaisten Reiche, bis endlich der Beschluß gefaßt wurde, zu der Wahl eines neuen Oberherrn zu schreiten. In einer zu dem Ende abgehaltenen Versammlung wurde bestimmt: derjenige solle das Herrscher— thum erhalten, welchen die auszusendenden Ab— geordneten an einem eisernen Tische speisend fin⸗ den würden. Diese zogen aus und trafen den Piast, einen armen, aber tugendhaften Bürger oder Landmann aus Kruschwitz, wie er eben au der umgekehrten Pflugschar sein Mittagsbrod verzehrte. Die Bedingung der Wahl wurde so
*) Kruszwica, Stadt am See Goplo im Netzdistricl, ungefähr 5 Meilen von Gnesen.


