Ausgabe 
11.3.1832
 
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genopfer dargebracht, und Thränen, die Er⸗ güsse, dessen, was wir tief im Innersten em⸗ pfanden, perlten in unsern Augen. Nun be⸗ grüßten wir auch Schwester Rosalie und den al⸗ ten Jacob, den treuen Diener unseres Hauses, der hereintrat uns zu melden, daß der Großva⸗ ter so eben im Aufstehen begriffen sei. Wohlan denn geliebte Louise, bereits siebenzehn Jahre meine treue Lebensgefährtin, eine wackere Mut⸗ ter der Lieben, die der gute Gott uns gab, wohl⸗ an denn theures Weib, bereiten wir dem grei⸗ sen Vater ein Fest, wie seine unaussprechliche Liebe gegen uns und unsere Kinder es verdient, ein Fest des Tages würdig, der so reich an wichtigen Ereignissen für unser Haus, ein Wei⸗ hetag für uns und uusere Kindeskinder ist und bleiben wird. Mit diesen Worten überreichten der Vater und die Mutter der kleinen Ida ein Körblein mit Frühlingsblumen, Rosalien und mir eine von grünen Ephenranken und süßduf⸗ tenden Frührosen gewundene Kette; sie selbst nahmen von den, für den Großvater bestimm⸗ ten Festgeschenken: der Vater eine in schwar⸗ zen Sammet gebundne, mit angemeßnen Ver⸗ zierungen versehene, größere, in starkem Drucke gefertigte Ausgabe der heiligen Schrift; denn Großvater war gewohnt jeden Abend vor dem Schlafengehn einen Abschnitt aus dem Buche des Lebens im Kreise seiner Familie vorzulesen und mit salbungsvollen Reden zu begleiten; dieß Geschenk sollte ihm, dessen Sehkraft sich zu mindern begann, eine Erleichterung gewäh⸗ ren; die Mutter eine von Rosalien gearbei⸗ tete, mit einem goldnen Rahmen umgebne, sinnvolle Stickerei. Auf lichtblauem Grunde erhob sich eine freundliche Landschaft; den Hin⸗ tergrund deckten schützende Felsgebirge, den Vordergrund erfüllte ein anmuthiges Thal; la⸗ chende Triften zogen, von einem klaren Bäch⸗ lein durchschlängelt, durch dasselbe hin; fried⸗ liche Hirten weideten auf den grünenden Auen ihre Herden, und muntere Kindlein tummelten sich im hohen Grase herum. Angelehnt an eine von starken Eichen umgebne Felswand stand ei⸗ ne stille Hütte; vor ihr ruhte auf einer Moos⸗ bank ein Greis im Silberhaare und blickte ruhe⸗ voll nach einem ohnweit der Hütte gelegnen, von herabhängenden Trauerweiden überschatte⸗ ten Grabhügel, den ein einfacher Aschenkrug zierte. Die im Osten strahlende Sonne leuchtete durch der Trauerweiden überhängende Zweige und erhellte die auf der Urne stehende Inschrift:

Aufwärts zur Heimath! Dem Aufgange schweb, te aus der oben sich öffnenden Urne ein glän⸗ zend weißer Schmetterling zu. Die übrigen Gaben, welche zu meist aus, von der Mutter und Rosalien gefertigten dem Greise Bequem⸗ lichkeit gewährenden Kleidungsstücken bestanden blieben auf dem mit Blumenvasen und Epheu⸗ gewinden geschmückten Tische ausgebreitet.

Zur Länder- und Voͤlkerkunde. Kamtschatka und seine Bewohner, II.

Die Halbinsel Kamtschatka ist im Jahre 1696 von Luca Semenoff Sin Mowsko, einem Kosa⸗ ken aus Jakutzk*), entdeckt worden. Dieser unternahm mit sechszehn seiner Genossen einen Zug nach diesem Landstriche, dessen Daseyn bereits seit 1690 zu Jakutzk durch das Gerücht bekannt war, kam jedoch nicht ganz bis an den Fluß Kamtschatka*). Dahin gelangte 1697 zuerst Wolodimer Atlassow, Befehlshaber im Anadirskoi Ostrog), und richtete daselbst als Zeichen der Besitznahme ein Kreuz auf. Im Jah, re 1699 drang derselbe mit sechzig Nussen und eben so vielen Kosaken bis in das Innerste der Halbinsel vor, erhob einen Schoß von kostbarem Pelzwerk, lieferte denselben in Moskau ab, und erhielt dafür die Verwaltung von Jakutzk; ver⸗ übte aber solche Gewaltthätigkeiten, daß sie nicht nur die Kamtschadalen, sondern selbst die Kosaken gegen ihn empörten. Bis in das Jahr 1731 war diese erste Besitznahme der Russen mit einer Reihe von Mordthaten und Empörun⸗ gen verbunden, und die Halbinsel verlor un⸗ zählige Einwohner. Ihre Bevölkerung war je⸗ doch schon wieder beträchtlich angewachsen, als 1767 ein Soldat die Kinderpocken von Ochotzk f)

7) Jakutzk, Stadt in Sibirien an dem Fluße Lena, mit 3000 aus Kosaken und Handelsleuten bestehen⸗ den Einwohnern. f an) Der Kamtschatkafluß entspringt aus einem sumpfi⸗ gen Grunde und ergießt sich in den östlichen Ocean. n) Ostrog bedeutet Dorf, Der Anadirskoi Ostrog lag in der Provinz Jakutzk am Küstenfluße Anadir und ist seit 1770 eingegangen. a 5) Ochotzk, Stadt mit mehr als 3000 Einw. am ochotz⸗ kischen Meere. Aus dem dortigen Hafen fahren die Russen nach Kamtschatka über.