Ausgabe 
4.3.1832
 
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RR

3.

Des Großvaters Antritt seines sie⸗ ben und siebenzigsten Lebensjahres. Erinnerungen aus meinem Jugendleben.

J.

Heitere, anmuthsvolle Tage der Kindheit, in denen keine Erdensorgen den Freudenhimmel trüben, von schuldloser Lust, von heili⸗ ger Liebe geschwellt, das jugendliche Herz der ewigen Natur entgegenschlägt, in ihrer hoch⸗ herrlichen Schönheit und weisheitsvollen Ord nung ein Wesen erschaut, das die Liebe ist und, alle Kräfte in sich einend, den großen Bau der, Welten in dauerndem Einklang zusammenhält, diesem sich nahe fühlt, und ohne daß der Ver⸗ stand in Begriffe es zergliedert, der Mund es nennt, von einem höheren Drang getrieben, anbetend ihm des Dankes reinstes Opfer bringt; laßt, o laßt eure lieblichen Stunden, in der Erinnerung als freundliche Gebilde vor meinen Geistesblicken vorüberziehen! Der treuen Aeltern sorgsame Pflege, wie wachte sie uner⸗ müdet über meinem Lebensmorgen; wie förderte sie die kräftige Entwicklung meines Leibes; wie spendete sie mir reichliche Nahrung für Geist und Gemüth; wie verschönerte sie mir durch man⸗ nigfache Freuden mein Jugendleben! O selige Ruͤckerinnerung an die hochheiligen Freuden, welche die Geburtstagsfeier der theuren Groß ältern, welche mein eigenes Wiegenfest mich schmecken ließ! Unvergeßlich bleibt mir der Tag, an welchem mein guter Großvater sein sieben und siebenzigstes Lebensjahr antrat. Ein seltnes Zusammentreffen der Umstände hatte die sen Tag zu einem der ernstesten Feste für unser ganzes Haus gemacht. An ihm hatte vor fünf⸗ zig Jahren in dem stillen Dörflein, unserem Wohnsitze, mein Großvater sein Pfarramt an⸗ getreten und, obgleich viele ehrenvolle Auffor⸗ derungen an ihn ergangen waren, seine Stelle mit weit einträglicheren zu vertauschen, es vor⸗ gezogen, bei der ihm aufs Innigste anhängen⸗ den Gemeinde auszuharren und bis in das Grei⸗ senalter für das Heil seiner Pfarrkinder thätig zu seyn. An ihm war er ein Jahr später mit seiner treuen Lebensgefährtin, meiner vielgelieb⸗ ten Großmutter, getraut worden, der es die Vorsehung nicht beschieden hatte, auf Erden die Freuden dieses Tages zu genießen und zu meh⸗ ren; denn zwei volle Jahre schon ruhte ihre ir⸗

dische Hülle auf dem unweit der stillen Pfarr, wohnung gelegenen Friedhofe. An ihm hatte vor siebenzehn Jahren der Jubelgreis seinen ein, zigen von drei hoffnungsvollen Knaben ihm ge⸗ bliebenen Sohn, meinen theuren Vater, den sein huldreicher Landesherr ihm als Gehülfen gab und wegen seines redlichen unermüdeten Wirkens zum Nachfolger bestimmte, mit der Tochter seines ältesten und bewährtesten Freun⸗ des, meiner lieben, guten Mutter ehlich ver bunden. So war dieser Tag für unsern stillen Familienkreis ein hoher Freudentag und zugleich ein Tag wehmüthiger Erinnerung an die zu frühe fur die Ihren, für alle, die sie kannten, dahingeschiedne Großmutter auf einen Som tag gefallen zu einer ernsten Festesfeier um geeigneter, weil der Tag des Herrn, der ge⸗ heiligte Ruhetag, für jeden guten Menschen, vorzuͤglich aber für eine Pfarrersfamilie schon an und für sich ein höheren Betrachtungen, ern⸗ steren Lebensansichten geweihter Tag ist, und den Jubelgreise Gelegenheit gab, in dem Hause Gottes, in welchem er vor fünfzig Jahren zum ersten Male mit jugendlichem Feuer zu einer seiner Seelsorge anvertrauten Christenmenge re dete, mit der durch die heiligsten Bande ihm verknüpften Gemeinde, als betagter Mann, den Bund reine geistiger Liebe für die Ewigkeit zu erneuern.

Aus Gießens Vorzeit.

(Fortsetzung.)

Ludwig IV. starb den 9. October 1604 als ein ruhmreicher Fürst. In seinem Testamente hat⸗ te er seine beiden Vettern den Landgrafen Moritz von Kassel und Ludwig V. den Getreuen von Darmstadt mit der Bedingung zu Erben einge setzt, daß keiner der Nachfolger in seinen Län⸗ dern die evangelisch lutherische Religion abschaf fen und keiner sein Testament anzufechten oder umzustoßen versuchen solle. Marburg bleibe Ge⸗ sammtuniversität; das Zeughaus zu Gießen un⸗ zertrennt. Landgraf Moritz schaffte in seinem Lande die lutherische Religion ab, und führte die reformirte ein. Man erhob über diese Testa⸗ mentsverletzung von Seiten Darmstadts Klage und drang auf Verlust der Erbschaft. Dagegen ge⸗ brauchte man von Kasselischer Seite den dialek⸗ tischen Kunstgriff: Darmstadt habe das Testa⸗

ment angegriffen; sei also des Erbtheils eben⸗