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dem ganzen Umfang der Schlossgebäude fast nur diese Mauer noch steht? Wessen Feindes Hand zerstörte hier?— Keines Feindes Hand; wird mir zur Antwort. Anfangs der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts machte man das Schloss unbewohnbar; man brach Holzwerk, Oefen, Fenster, kurz alles, was einen prekären Werth zu haben schien, aus, und sagte dann zur Zeit, wie König Philipp zum Grossinquisitor:„Thun Sie das Ihre!« Ungefähr im Jahre 1820 erkaufte die Gemeinde Wieseck die ganze Badenburg von den Freiherrn von Schrau- tenbach; die Gebäude brachte der Kaufmann Tasché aus Gies- sen an sich, welcher viel zur Verschönerung des Berges beitrug, und namentlich hübsche Anpflanzungen machte. Seit der Zeit ist es ein Lustort. Diese letztere Bestimmung seh' ich auch deutlich. Welches Leben rings umher! Jedes Plätz- chen oben auf dem Berge ist von Giesser Familien mit Be- schlag belegt, und unten in der schmalen Passage zwischen dem Berg und der Mühle drängen sich immer mehr frische Gäste heran.
Ich habe eben im Gewühle meine bisherigen Begleiter verloren und will der Menge folgend, den schmalen Fuss- steig zum Berge hinanwandeln. Da fasst mich plötzlich jemand am Arme; ich blicke mich um und erkenne einen Freund, der zwar nicht ausübender Künstler ist, aber ein für die geeig- netste Auffassung schöner Landschaften so geübtes. Auge hat, dass ich ihm stets Vorwürfe mache, wesshalb er kein Künsler geworden ist. Er zieht mich sachte aus dem Menschengewühle, und führt mich— ich lasse mich willig lenken,— ans Ufer, wo ein Kahn angebunden steht. Wir steigen ein; ein rüstiger Bursche stösst ab und rudert uns rasch an's jenseitige Uſer. Hier führt mich mein Freund an den Weidenbüschen vorüber, etwa einige hundert Schritte stromabwärts, und bittet mich, das Bild, welches sich mir gegenüber darstellt, zu betrachten. lch muss gestehn: es macht seinem Geschmack alle Ehre, und ich bin in der besten Hand, die ich mir wünschen kann. Im Vorgrunde links das breite Wehr, wo ein Arm der Lahn schäumend, weiss wie Schnee, herabstürzet, dahinter die Au der Insel, vor mir der geebnete Wasserspiegel, rechts hinter demselben die malerische Mühle, vom Walde auf der Hõöhe


