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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
Seite
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54 tragödie herein. Der Vater sieht sein volles Vertrauen von dem treulosen Sohne getäuscht und sich selbst in dessen Ge- walt als Gefangener, zuerst in Böckelheim, dann in Hammer- stein. Dort zwingt ihn der Sohn abzudanken. Noch Schlim- meres befürchtend und von Treuen heimlich gewarnt, entflieht er. In Lüttich bricht endlich dem alten Kaiser(1106) das Herz. Aber selbst seine Leiche soll vor dem Grimm der Hierarchie im Grabe noch keine Ruhe finden, sie wird in Lüttich ausgegraben und nach Speier gebracht; dort steht sie, unbesungen von der Geistlichkeit, fünf Jahre lang in einer ungeweihten Kapelle. Schon im Jahre 1125 stirbt auch Kai- ser Heinrich V, kinderlos, wie ihm die Kindespflicht nicht heilig gewesen war. Und, als ob die Genossen den Fluch theilten, wie sie den Verrath getheilt, so erlischt schon um's Sahr 1168 der Mannsstamm der Grafen von Gleiberg, dieser stolzen proceres imperü, mit Wilhelm und Otto, den Enkeln jenes Hermann, welcher die Parthei des Sohnes gegen den Vater ergriffen hatte. Hermam's vollständige Geschlechts- folge ist diese: Er hatte zwei Söhne, Hermann und Dieterich und eine Tochter Klemenzia. Hermann und Dieterich hinter- liessen wieder zwei Söhne Wilhelm und Otto diese beiden Vettern theilten die Herrschaft Gleiberg, und Graf Wilhelm erbaute bei dieser Gelegenheit die Burg»zu den Giessen«. Wilhelm hatte einen Sohn, gleichen Namens, welcher entweder noch vor, oder doch kurz nach dem Tode seines Vaters (vor 1167) starb.

Nun zieht ein neues Geschlecht in der Burg ein und ein neues Wappen, das Andreaskreuz mit Rosen in den Winkeln, prangt über dem Thore. Es ist das Wappen der Herren von Merenberg, welche, geringer an Rang und Macht als die Grafen von Gleiberg, deren Besitzthümer erworben haben. Da seh ich den edlen Hartrad von Merenberg wie er leibte und lebte, vor mir, an der Hand seiner Gattin Irmengard, der Erbtochter von Gleiberg, umgeben vom Kreise blühender Kinder. Und mich dünkt, ich hörte Harfenklang und Minne- gesang; ist's doch die holde Maienzeit der ritterlichen Poésie, unter deren Blüten er einzieht. Und unterm süssen Schall der Minnelieder, dünkt mich's als säh' ich die alte Burg sich ver-