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Wir ehren sie, da wir, der eignen Kräſte
Uns vollbewusst und froh, sie auch zu üben, stehn; Wir fühlen noch in uns gesunder Ahnen Säfte
Und schaffen am begonnenen Geschäfte,
Dass Enkel es vollendet sehn.
„Was ist's?“ Du fragest noch, o Greis von Steine,
O sähst du wie dies Thal— das ganze Vaterland!— Wie hier durchs Thal der Strom, der klare, silbereine, So winde sich um Hohe und Gemeine 4 Still des Vertrau'ns lebendig Band.
Dann wird der Mensch den Menschen höher achten
Als einst des Standes Schein; ein jeder Schein verbleicht;— Dann adelt nur die Lieb' und stellt als ew'ge Wachten
Die Geister aus, die sich zum Opfer brachten
Und so der Menschheit Ziel erreicht.
Aber diese Antwort klingt ja wie eine Prophezeiung. Wohl wahr; doch welcher einzelne Mensch kann von sich sagen:»Jetzt habe ich mein Buch abgeschlossen und die Rech- nung ist richtig?« Und um wie viel weniger ein ganzes Geschlecht! Immerhin; man sagt der Menschheit heutzutage keine blosse Artigkeit, wenn man ihr gesteht, dass sie ihren höchsten Zweck zu begreifen anfängt; aber man würde sie beleidigen, wenn man ihr zumuthen wollte, sie habe ihn schon erreicht. Sie wird, gerade wie der einzelne Mensch, so lange streben und ringen, als sie lebt. Und das Streben ist so schön! Oder nennen wir's lieber das Leben; denn das ist's ja doch eigentlich.
Zu solchen Betrachtungen kann uns eine Reliquie der Ver- gangenheit verleiten. Ich weiss nicht, was an jenen Betrach- tungen Poetisches sein mag; diese Reliquie selbst ist es wenig- stens gewiss. Hat ja doch der unbedeutendste Stein, der uns aus der Vergangenheit übrig blieb, eine goldene Ader der Poesie in sich. Und nun gar dieser Thurm auf dem Gleiberg, der uns noch obendrein durch Das imponirt, was dem Men- schen so oft imponirt, durch seinen Trotz. Steht er nicht so keck und gewaltig da, als läse er uns, wie wir so lebens- freudig heranwandeln, schon den Tod auf der Stirne? O, er könnte uns sagen:»Ich sehe das Häuflein Staub zu meinen Füssen, das einst euer Ich war;— diesen ganzen Gliederbau,


