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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
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bietet nichts Merkwürdiges als das alte Rathhaus mit seiner Vorhalle und mit dem bunten Wappen der Stadt auf der Gie- behwand. Um so hübscher sieht sich das frische Leben auf dem Markt an; wie das kernige Landvolk sich hier herum tummelt; wie die Hausfrauen emsig wählend zwischen den Reihen umherwandeln, hier eine Gruppe Studenten, dort rol- lende Wagen. Vom Markt ist's nicht weit zur Stadtkirche. Es ist nicht mehr die alte. Diese wurde 1809 abgebrochen (wie die Burgkirche), von der alten Stadtkirche steht nur noch der Thurm. Die neue, welche 1821 vollendet wurde und mehr Geld gekostet hat, als ihre architektonische Schön- heit werth ist, sieht mich etwas nüchtern an; ich will nicht entscheiden, ob dieser Eindruck seinen Grund in ihrer Kon- struktion oder in meiner Stimmung hat, denn mir stehen noch die grossen mittelalterlichen Kirchenbauten vor Augen, deren ich kürzlich gedachte; jedenfalls ist es nichts Neues unter der Sonne, dass neue Kirchen meistens entweder mit einem inne- ren organischen Fehler oder mit einem nichtssagenden Gesicht zur Welt kommen; man hat freilich auch Ausnahmen und es würde mich freuen, wenn ich die Giesser Stadtkirche zu die- sen Ausnahmen zählen könnte.

Ich wende mich nun zum sogenannten»Brand«, einem Platze, der seinen Namen von einer Feuersbrunst erhielt, welche 1560 wohl über anderthalbhundert Gebäude vernichtet hatte. Dort steht das Schloss, dessen alterthümliche Formen unter der Modernisirung grösstentheils verschwunden sind; es heisst jetzt das Kanzleigebäude; nur noch das untere Mauerwerk und der Thurm, der sogenannte Kanzleithurm(oder Heidenthurm«, weil einmal Zigeuner drin gefangen gehalten worden), gehören dem ersten Burgbau, also dem 12ten Jahr- hundert an; doch bemerk' ich, dass auch der obere Theil des Thurmes neuer ist. In einem Theile des Gartens hinter dem Schlosse befindet sich das Accouchirhaus, dessen Bau 1809 begonnen und 1822 ganz vollendet wurde. Sodann zeigt sich uns am Brande das Zeughaus, welches der Landgraf Lud- wig IV. von Marburg, der Sohn Philipps des Hochherzigen, 1586 erbaute. Bei diesem Gebäude imponirt zwar nicht der Styl, welcher weder schön, noch grossartig, sondern blos