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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
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unbequem erscheinen uns durchschnittlich wenigstens die meisten Privathäuser aus alter Zeit, mit ihren himmelho- hen Giebeln, Dächern und Schornsteinen, mit ihren unsymme- trischen Fensterlagen, mit ihren dunklen Hausgängen und ihren halsbrecherischen Treppen. Und doch hat diese Erschei- nung etwas Verwandtes mit jenen Eigenthümlichkeiten der alten deutschen Malerei, welche nichts weniger als deren Vor- züge sind. Es ist in dieser grossen Unbequemlichkeit der alten Privathäuser immer noch ein Eckchen Bequemlichkeit, etwa so gross wie ein Grossvaterstuhl, gerade recht für das Maas eines Menschen, und dieses Eckchen genügt dem Men- schen eigentlich statt des ganzen Hauses. Eben so ist bei der altdeutschen Malerei selten das ganze Bild des Menschen volle Wahrheit, wohl aber ist es der Kopf oder der einzelne Finger, und diese Wahrheit im Detail ersetzte die Schönheit im Ganzen. Das Gleichniss hinkt, wie jedes; aber das dem- selben zu Grunde liegende Motiv lässt sich wohl nicht füglich abstreiten. Und hält man den Gedanken fest:mein Haus ist meine Welt«, so mag man wohl die Folgerung daran knüpfen: diese kleine Welt entsteht nicht auf einmal, sondern sie setzt sich erst nach und nach um einen bestimmten Mittel- punkt an; da wird hier zugegeben und dort ungern etwas weggenommen, weil man das Alte ehrt und noch benützen zu können hofft, wär's auch nur als Rumpelkammer; behielt man ja doch das ganze heilige Reich auch als solche so lange bei! Anders bei Bauwerken, welche der religiöse oder bürgerliche Gemeingeist schuf; hier zeichnete die Bestimmung des All- umfassens zur gemeinsamen Theilnahme an den höchsten In- teressen von vorneher den bestimmten Plan. Es ist Schade, dass Giessen kein einziges öffentliches Gebäude von Bedeu- tung aus der Zeit des reinen deutschen Baustyls mehr be- sitzt; die Epoche des Stylverfalls in der letzten Hälſte des 16ten Jahrhunderts und sofort herrscht noch vor. Und den- noch liegt eben darin auch wieder eine Eigenthümlichkeit, welche nur theilweise durch neue Gebäude unterbrochen wird.

Der Markt ist nicht allzugross; er gleicht mehr einer breiten unregelmässigen Strasse, in welche mehre Haupt- und Seitengassen einmünden, als einem öffentlichen Platze, Er

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