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Giessen fällt in die Hand der Franzosen und hat durch Requi- sitionen manches zu leiden. Da bewährt die Wissenschaft ihre weltversöhnende Zauberkraft. Mitten im Sturm des Krie- ges, welcher sonst selbst die Kirchen nicht verschonet, bleibt die Hochschule eine heilige Freistätte und erzwingt sich Achtung von Feldherrn, welche blos das traurige Recht der Gewalt zu achten angewiesen sind. So gebietet Hoche, so gebietet Bernadotte in Giessen dem zügellosen Ungestüm: „Halt!«„Und siehe, trotz aller stürmischen Forderungen des Augenblicks, trotz aller Bedürfnisse eines Heeres, welches im Feindeslande steht, bei allen Zugeständnissen freilich, welche der Bürger der hereinbrechenden Uebergewalt machen muss, herrscht strenge Ordnung in allen Strassen, bleibt der Eigen- thümer geschützt, bleibt die Wissenschaft unangetastet in ih- rem stillen, friedlichen aber ewigen Wirken. O es ist etwas Grosses um diesen Zauber, der die entfesselte Leidenschaft zähmt, der das starre Kommando des Feldherrn als Diener der unsichtbaren höheren Macht behandelt, der das Eigenthum, die Freiheit, das Leben unter deren Schutz stellt. Ein gerechter Entgelt, dass die Hochschule Bernadotte, ihrem Beschützer in sturmvoller Zeit, eine akademische Würde verleiht! Ueber- haupt hat die Stadt dem klugen und umsichtigen Benehmen der Professoren damals viel zu verdanken. Am elſten Sep- tember rücken endlich die Kaiserlichen in die Stadt ein; aber deren Bedrängniss ist dadurch keineswegs vorbei, vielmehr noch vergrössert. Und als sie endlich nach kurzer Zeit überstanden ist, bluten die Wunden noch lange fort, welche der Krieg dem Bürgerthum geschlagen hat. Unter solchen Umständen denkt man im Jahre 1807 an keine zweite Sä- kularfeier.
Bei allem Wechsel der Geschicke aber bleibt Giessen fort und fort dem Fürstenhause treu, und behält die Hochschule ihren Charakter als Landesuniversität, auch in dem neuen Grossherzogthum Hessen(seit 1806).
Immer gespannter wird jetzt meine Erwartung auf die Entwicklung der neueren Geschicke. Ach, die Geschichte ver- wöhnt unsere Phantasie; wir sind, möcht' ich sagen, unge- duldig nicht blos nach vorwärts, sondern auch nach rückwärts,


