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Giessen und seine Umgebungen : mit sechs Stahlstichen / geschildert von Eduard Duller
Entstehung
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Pfalzgrafen Rudolf von Tübingen so wie ihr Enkel sind fort- während Herrn von Giessen. Der letztere, Ulrich Pfalzgraf von Tübingen, verkauft 1265 die Herrschaft Giessen an Hein- rich das Kind, Landgrafen von Hessen, einen Enkel der heiligen Elisabeth und Sohn des Herzogs Heinrich II. von Brabant. Schon 15 Jahre vor diesem Verkauf kommt Giessen urkundlich als Stadt vor.

Zwar kann sich die Burg»zu den Giessen« an Umfang mit jener stattlichen älteren nicht messen, welche stolz und frei vom hohen Felsengipfel auf sie herabblickt. Aber so tief die Burg zu den Giessen in der Ebene liegt, sie ist doch fest und sicher durch die Wasser; sie ist der Liebling der Nixe, die ihre Arme um sie breitet, um sie vor Gewalt zu schützen, und, käme ein Feind, so erhöbe sich die Nixe zürnend und riefe die Wasser der Ebene herbei, die ihr gehorchen. Sieh, wie die ausgesteckten Fähnlein auf den Zin- nen wallen! Da kommt der Adel von seinen offnen Sitzen in der Nachbarschaft herbeigeritten, und bauet sich an neben der Burg und ziehet fröhlich ein, des guten Schutzes sich freuend, den er hier findet. Da wird so mancher Freie und Adelige ein Burgmann zu Giessen, und die Burgmänner rich- ten mit Gottes Hilſe den Burgfrieden unter sich auf, zu ihrer Aller Ordnung, Gesetz, Heil und Ansehn weit und breit. Es sind bedeutende Dynasten unter diesen, so die Herrn von Buseck, von Merenberg, von Falkenstein, von Nordeck, von Cleen, von Weitholshausen, von Schwalbach, die Riedesel, die Schenk zu Schweinsberg. Sie haben erbliche Burglehen und sind die Schöffen und stellen den Schultheiss. Sie schützen die Stadt in der bösen Zeit der Fehden gegen jeden Feind. Dieser Schutz, welch ein köstliches Gut, lockt immer mehr fleissige Leute aus dem Volke herbei; und sie siedeln sich, weil innerhalb der Ringmauer kein Platz mehr ist, auch um dieselbe ausserhalb an. So wächst gegen die Lahn hin all- mählig die Neustadt heran; immer kräftiger entfaltet sich dabei das edle, deutsche Bürgerthum. In der Stadt Giessen aber erhebt sich eine Kapelle, dem heiligen Pankratius und der heiligen Maria geweiht, noch immer abhängig von der alten Mutterkirche zu St. Peter in Selters. Landgraf Otto