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die Rundschau mit Geistesblicken erneuern will. Wer aber Giessen noch nicht kennt, mag sich dadurch vielleicht einen ungefähren Begriff verschaffen von dem reichen Kranze seiner näheren und ferneren Umgebungen,— einem Kranze, gewo- ben aus dunklem Waldesgrün und duftigem Bergesblau, die Schlösser und Thürme, im Abendroth glühend, schimmern wie Edelsteine darin, und die Lahn ist das Silberband, welches die beiden Enden des Kranzes schön verbindet.
Und nun folge ich dem Wege, der mich von dem Hoch- rücken des Seltzerberges zwischen wogenden Saatfeldern gegen die Frankfurter Heerstrasse zu führt, welche gerade nach der Stadt hineinweiset. Da steht an der Strasse die neue katho- lische Kirche, ein einfaches, schmuckloses Gebäude, welches man gut und gern eine Kapelle nennen könnte. Ihr gegenüber seh' ich auf der anderen Seite der Strasse die geräumigen Ge- bäulichkeiten der Universität, die Bibliothek, und das schöne Wohnhaus des Bibliothekars. In einem Seitenanbau befindet sich das chemische Laboratorium. Es ist gewiss eines der merkwürdigsten auf dem Kontinent. Wer kommt wohl nach Giessen, und versäumt, es zu besuchen? Wer? Nur Der, den von der Menschheit nichts interessirt als sein kleines „grosses Ich«. O man muss es sehn, dies Laboratorium, auch wenn man kein Chemiker ist. Der Gelehrte gehe hinein, wie der Studirende und der Gewerbbtreibende. Dies Laboratorium hat einen Ruf, welcher der ganzen Hochschule zu Gunsten kommt,— den Ruf des Mannes, dem es seine vollständige Fimxichtung verdankt. Und tritt man nun hinein, wie ist da nichts mittelalterlich-Düstres, nichts, was uns an Fausts ge- heimnissvolle Studirstube erinnern könnte,„wo’ selhst das liebe Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht.“ Und doch waltet auch hier ein Zauberer, der die Schmerzens- und Zorn- worte des alten Magus:„Geheimnissvoll am lichten Tag lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben«, diesen hingeworfe- nen geistigen Fehdehandschuh kühn aufgenommen hat. Was viele Worte: hier waltet Justus Liebig, dieser scharfe, unermüdliche, schöpferische Geist, dessen Verdienste um die ganze wissenschaftliche Gestaltung der organischen Chemie Frankreich und England anerkannt haben, und dessen anre-


