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Treue drücken kann. Und nicht dies allein! Lasst uns auch nach andern Seiten des Universitätslebens hinblicken, nach jenen schroffen eckigen Gestalten, die in den Gleisen des bürgerlichen Lebens ganz ungewöhnlich sind, und die unter der wunderlichen Schale des bemoosten Hauptes so viel Kern, so viel Bieder- keit, bei oft so viel stiller langer Noth, verbergen,— ferner nach jenen edlen und reinen Männerfreundschaſten, die sich, auch als eine erste Liebe, gleichfalls bei grauem Haare jung erhalten,— eine so ungefährliche geheime Verbindung— der Herzen nämlich— als Liebe ist, eine Art von Freimauerei, welche in der Folge zuweilen sogar die schroffen Standesunterschiede ausgleicht und den Staatsrath mit dem ärmlichen Magister gleichstellt.
Dies alles passt vorzugsweise auf die Hochschule in der Provinzialstadt, wo sie die hervorragende Hauptsache, wo sie gleichsam Mittelpunkt und Achse des Lebens ist, wo, wenn auch nicht ihre Selbstständigkeit, doch gewiss ihre Eigenthüm- lichkeit schärfer und bestimmter hervortreten kann, als in der Ebbe und Fluth der verschiedenartigsten Interessen, welche das Leben in der Residenz bewegen. In der Provinzialstadt erhält sich im Allgemeinen die feste Gliederung des akademi- schen Lebens; dieses durchdringt meistens das bürgerlich-ge- sellige und überträgt auf dasselbe seine besondre Färbung. Auch der reine und erhebende Genuss der Naturschönheit ist dem akademischen Bürger in der Provinzialstadt mehr erleich- tert, als in der Residenz; denn meistens beherrscht jene eine reizende Umgebung, welche mit ihr ein harmonisches Ganze bildet. Dann hallet jeder kühle Wald, jede Felsenwand und jede Ruine vom Rundgesang der akademischen Jünglinge, und Gôttes Natur ist der grosse Salon, wo es keines Thees und keines Opernenthusiasmus bedarf, um die Herzen zu erwär- men und das bürgerliche Leben mit dem akademischen zu verschmelzen.
Und eine solche günstige Lage zeichnet nun Giessen aus. Am linken Ufer der Lahn, in welche die Wieseck rinnt, liegt die Stadt in einer schönen fruchtbaren Ebene, von Wäl- dern und sanften Anhöhen in der Nähe umgeben, von Ge- birgszügen in der Ferne umschlossen. Nähe und Ferne aber


