Ausgabe 
25.7.1850
 
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571.

etwas aus dem Namen herauszuschlagen; aber, wo die Person fehlt, da muß man sich an die Namen halten. Doch halt ich thue dem Manne Unrecht. Sollte man gar Nichts von ihm wissen? Ist er nicht derselbe, der fich Verdienste um das schöngeisternde Publikum in Darmstadt erwarb, bei ästhetischen Thee'n und ver⸗ geisterten Butterbemmen? Derselbe, der im Costüm Theaterstücke vorgelesen und dafür Beifall über seinen Vortrag geerntet hat? Ja, so ist's, so war's zu jener schönen Zeit, wo noch Myrthen und Veilchen blühten, und du Thil Minister war, und Tieck nach Darm⸗ stadt kam. Außerdem wissen wir noch, daß Herr Hall⸗ wachs einen kleinen Sohn besitzt, der auch in Politik und Tagesblättern macht und konstitutionelle Plakate mit unterschreiben darf. Seine kindlichen Gedanken werden ohne Zweifel jetzt Einfluß gewinnen. Das ist man bei uns schon gewohnt.Jaup und Sohn, Detailhandlung in politischen Kinderspielsachen das Geschäft ist fallirt, die Firma ist jetzt:Hallwachs und Sohn, und wird mehr nach dem Kindlichen hinstreben, ohne wie Schiller, einen tiefen Sinn hineinlegen zu wollen. Wahrhaft komisch ist es anzusehen, wie die Darmst. Zeitung sich bemüht, diese Aenderung in den höchsten Regionen, als keine Aenderung erscheinen zu lassen.Wohlunterrichtet war sie diesesmal gewiß nicht. Und Herr Hallwachs, meint sie, wird Hessen's Abfall von der Union vor den Ständen vertreten. Als ob sich noch Jemand von Verstand um solches Zeug kümmerte! Vertreten! Freilich daran fehlt's uns nicht. Doch, es fällt mir noch etwas aus dem Leben meines Mannes bei: Herr Hallwachs ist 60 Jahre alt, war Ministerialrath unter du Thil und ist jetzt Vorsitzender des vereinigten Ministeriums. Die Ober⸗ postamtszeitung wünscht, daß ihn die Presse mehr be⸗ rücksichtigen möge. Wir haben ihn, soweit möglich, von vorn betrachtet; die Zeit wird nicht fehlen, wo wir ihn auf dem Rücken sehen werden! Genug davon. Wenn Ihnen mein Geschreibsel recht ist, so will ich Ihnen nächstens einen läutenden Artikel über gewisse Leute senden.(Soll uns sehr erwünscht sein. D. Red.)

Aus der Residenz, 22. Juli. Komische Geschich⸗ ten passiren hier fast alle Tage, die, wenn auch un⸗ wichtig, doch Stoff zum Lachen geben. Kaum ist der Ministerwechsel vollbracht und der gute Bürger be⸗ ruhigt, so müssen ihn wieder andere Dinge in revo⸗ lutionäre Unruhe bringen. Vor einigen Tagen ereignete sich folgende Tragikomödie: Ein kleiner Lieblingshund eines Bourgeois hatte sich die ungeziemende Frechheit genommen, ohne gehörigen Rechtsgrund widerrechtlich in das nahegelegene Nachbarhaus einzudringen, welches

Interesse der Studenten an seinen geistreichen Vorträgen zu⸗ schreibt. Ueber die Art und Weise wie er zur Professur gelangt, erzählt man sich eine merkwürdige Geschichte. Er soll nämlich, als er als Privatdocent gelegentlich des großen Kartoffelkrieges im Jahre 1830 auf einem Wachtposten stand, indem man auch hier das Rebellenheer erwartete, einen Hammel geschossen haben, den er von weitem für einen feindlichen Kundschafter, oder etwas Aehnliches hielt, und der ihm natürlich auf sein Werdarufen so wenig Antwort geben konnte, als Herr Weiß die Fragen beantworten würde, die ihm in einem gründlichen Examen in vielen Fächern der Jurisprudenz vorgelegt werden würden. Genannte Heldenthat soll ihm die Professorenstelle ver⸗ schafft haben.

die Ehre hat, von Herrn Staatsanwalt Dr. Siebert bewohnt zu werden. Derselbe fühlte sich ob in amtlicher Eigenschaft oder nicht, ist uns unbekannt durch diese Oecupation seiner Terrainverhältnisse ver⸗ letzt. Herr Siebert ist bekanntlich von der Natur mit einem sehr cholerischen Charakter beschenkt worden,der Hauptmann der war ein gar zorniger Mann! Er griff also nach dem Organ seiner Hundspeitsche, er⸗ klärte den fremden Eindringling in Belagerungszustand, und octroyirte ihm sodann eine körperliche Züchtigung, welche bleibende Verletzungen zur Folge hatte. Wer würde an der ganzen Geschichte etwas gefunden haben? Nun kommt aber der Eigenthümer des Hundes und fühlt sich gekränkt. Selbsthülfe verschmähend und eine Klage verachtend, tritt er mit Löwenmuth und Gebrauch machend von den Errungenschaften an die Presse, in's Bureau des Anzeigeblatts und denuncirt Herrn Siebert vor der gebildeten und politisch selbstbewußten Residenz⸗ welt, der Thierquälerei, da er einem friedlichen Hünd⸗ chen ohne Anlaß ein Auge aus dem Kopf geknutet habe. Der Hund muß jetzt ein Glasauge tragen. Ist das nicht zum Todtlachen? Und der gute Bürger wird unzufrieden!

Seit einigen Tagen haben wir Durchmärsche ba⸗ discher Truppen. Sie werden von den Residenzlern mit verdienter Verachtung betrachtet, die hessischenMi⸗ litärsoldaten dürfen ihnen keinen Blick schenken. Die brave Artillerie, die ganz nach preußischem Schnitt uniformirt ist, scheint sehr traurig, weniger die ebenfalls in Pickelhauben und Waffenröcke gesteckten Dragoner, die sich bekanntlich im vorigen Sommer ziemlich zwei⸗ deutig benahmen. Unter den Officieren der letzteren bemerkte man einen, der sich nicht scheute, das Zeug⸗ niß, gegen sein Vaterland gekämpft zu haben, in Ge⸗ stalt einesEhrenzeichens auf der Brust zu tragen!

Kassel, 20. Juli.[Was in Kurhessen die con⸗ stitutionelle Monarchie bereits gekostet. Nach einem Leitartikel derHornisse haben die Kurhessen für ihre constitutionelle Monarchie von der ersten Finanz⸗ periode 1831 bis zum 1. Januar 1850 bezahlt

Sechszig Millionen Reichsthaler oder genauer 60,151,000 Thlr., hierbei sind die Pa⸗ piergelder und Anleihen von 1849 und 1850 und ein Deficit von 600,000 Thlr. nicht einbegriffen. Die Steuerlast vermehrte sich seit dieser Zeit fortwährend. Im Jahr 1831 betrugen die Steuern 2,901,621 Thlr.,

1834 aber schon 3,176,480 Thlr. und im Jahr 1849 5 5

sogar 5,527,330 Thlr. Nimmt man an, daß in Kurhessen während dieser 19 Jahre 140,000 Familien zu den Staatslasten bei⸗ getragen haben, so fallen auf die Familie 400 Thlr. oder 700 fl. Rechnet man den durschnittlichen täg⸗ lichen Arbeitslohn auf 10 Silbergroschen, die Durch⸗ schnittseinnahme der Familie also auf 120 Thlr., so muß⸗ ten jene 140,000 Familien den Arbeitslohn von vier ganzen Jahren opfern, um diese vortreffliche Staats⸗ maschine 19 Jahre(das Jahr zu 300 Arbeitstagen gerechnet) lang im Gang zu halten. Für den Hof wurden seit 1831 an 7 Millionen Thlr. vom Lande bezahlt. Derselbe verausgabte aber während dieser Zeit nahe an 16 Millionen, die ihm die Revenüen des fürstlichen Hausschatzesdas Blutgeld un⸗ serer Väter noch außer der Civilliste einbrachten; für das Heer wurden ausgegeben 14¼ Mill. Thlr. Was die absolute Monarchie vor 1830 gekostet, weiß man nicht; soviel nur weiß man, daß der fürst⸗