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Erscheint fünfmal wöchentlich, wenn es nöthig ist mit Beilagen (Sonntag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, mit Aus⸗ nahme der hohen Festtage).
Hessischer
Erster Jahrgang.
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uschauer.
Nr. 201.
* Gießen, 12. Oct. Heute langte dahier ein nach Kassel bestimmter kurhessischer Courier von Wil⸗ helmsbad kommend, per Extrapost an, reiste jedoch, da er eine telegraphische Contreordre antraf, sogleich wieder nach Wilhelmsbad zurück.— Man vermuthet, daß dieser Courier die Annahme der Entlassung der Kasseler Offiziere überbringen sollte, welche Maßregel jedoch in Folge der Spaltung des Wilhelmsbader Ministeriums(f. unten) wieder zurückgenommen wurde.
* Gießen, 12. Oct. Die„Rheinischen Blätter“ und nach ihnen das„Darmstädter Journal“ machten den hessischen Gerichten ein Compliment, auf das sie stolz sein können. Nachdem sich die genannten Vlätter in ihrer Weise über Preßordonnanz ausgelassen, fahren sie fort: Herr August Becker in Gießen hat sogar den Muth gehabt, zu erklären, daß er diese Verordnung nicht anerkenne; er sehe dieselbe, sagt er, vorderhand als nicht existirend an, und falls die Polizei seinem latte Hindernisse in den Weg lege, werde er dieselbe wegen widerrechtlicher Eigenthumsbeschädigung und Störung des Geschäftsbetriebes verklagen und die Klage bis zum obersten Gerichtshofe verfolgen!— Recht so! Bürger Becker wird in diesem Falle erfahren, daß sowohl Ober- als Untergerichte unseres Landes ganz andere Begriffe von der recht⸗ lichen Gültigkeit einer landesherrlichen Verordnung haben, als z. B. der Beamten⸗ stand in Kurhessen, von welchem gedachter Herr Becker vielleicht wähnt, er sei das Vorbild unserer richterlichen und anderen Behörden.
* Gießen, 13. Oct. Die„Hornisse“ von gestern klagt über den geringen Grad von Widerstand, welchen die hessische Demokratie den Ordonnanzen v. Dalwpigks entgegensetze; sie meint, ein kräftiger Widerstand werde auch die Constitutionellen ermuthigen, sich auf die Seite des Rechts und der verletzten Verfassung stellen. Die Hornisse irrt sich. Es gibt hier zu Land keine Partei, die den Namen einer constitutionellen Partei verdiente. Die meisten Derjenigen, die sich Constitutio⸗ nelle nennen, gehören ihrem ganzen Wesen nach ent⸗ weder zur absolutistischen oder in noch weit größerer Anzahl zur servilen oder Bedieutenpartei. Während sich in Kurhessen keine Civil⸗ und Militärbehörde dazu hergibt, die Ordonnanzen Hassenpflug's zu executiren, würden sich die hiesigen Behörden jeder Art, fast ohne Ausnahme, ein Vergnügen daraus machen, die octro⸗ yirte Verordnung Dalwigk's an uns zur Anwendung zu bringen. Das ist Thatsache und wir möchten dann doch wissen, was wir dieser Thatsache gegenüber ver⸗ nünftiger Weise thun könnten.
Giesen, Dienstag den 15. October
1850.
Sollen wir der Reaction und den sogenannten Constitutionellen den Gefallen thun, durch Nichtachtung der Preßordonnanz uns ins Gefängniß und ruinirende Geldstrafen und dadurch eben zum Stillschweigen zu bringen? Sollen wir durch Nichtachtung der Vereins⸗ verbote die Parteiführer und selbst die Parteimänner in Gefängniß⸗ und Geldstrafen bringen? Wozu aber? Würde dadurch etwas gewonnen, wir würden kein Bedenken tragen, auf diesem Weg mit gutem Beispiel voranzugehen. So aber und so lange wir nicht auf den Beistand der Gerichte rechnen können, wird es besser sein, wenn die Demokratie in Hessen⸗Darmstadt auf sog. freiem Fuße bleibt und ihr Geld bis auf Weiteres in der Tasche behält.
Gießen, 13. Oct.„Es ist aus, es ist ganz aus mit der Demokratie, denn die Demokratie zahlt überall die Steuern!: also lautet das Geschrei, welches die Reaction überall im Ländchen erhebt, um ihre Augst vor der Zukunft, um die Angst ihres bösen Gewissens zu übertäuben. Abgesehen von der Lügenhaftigkeit des erheuchelten Triumpfgeschreies, ist es doch wahrhaftig gar zu einfältig, aus dem Bezahlen der Steuern auf den Untergang der Demokratie zu schließen. Bei den Wahlen zum vorigen Landtag hat sich die Demokratie ebenfalls nicht sehr betheiligt. Warum? Weil viele Demokraten alle Hoffnung auf die Wirksamkeit consti⸗ tutioneller Mittel aufgegeben haben. Auch die Steuer⸗ verweigerung ist ein constitntionelles Mittel. Wenn dieses Mittel wirklich von Vielen verschmäht werden sollte, folgt daraus, daß diese Vielen von der Demokratie abgefallen seien? Wartet nur, ihr Tröpfe, die Zeit wird lehren, wer durch die Ordonnanzen mehr gewonnen hat, die Demokratie oder die Reaction, sie
wird euch lehren, daß die Demokratie mehr Leben in
den Adern hat, als euch lieb ist.
** Aus dem vorderen Vogelsberg. Die Wirkungen, welche die Schritte unseres zeitigen Ministeriums in Bezug auf Aufklärung des Volkes hervorgebracht haben, sind wirklich überraschend, am charakteristischen und auffallendsten ist aber die Erscheinung, daß man seit der letzten Kammerauflösung und den darauf folgenden Ordonnanzen, allenthalben den Wunsch aussprechen hört, es möge unser Ländchen Preußen einverleibt werden. Auffallend nenne ich diese Erscheinung des⸗ halb, weil noch vor zwei, ja einem Jahr der Preußen⸗ haß und der Widerwillen gegen die preußische Ober⸗ herrschaft, wie Jedermann weiß, jeden Gedanken an eine Vereinigung mit Preußen, selbst wenn dadurch die größten materiellen Vortheile zu erlangen gewesen wären, auf's Entschiedendste zurückgewiesen hätte. Seit⸗ dem hat sich Vieles geändert, unsere Regierung ver⸗
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