Ausgabe 
15.10.1850
 
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stand es vortrefflich dem Volk die Nachtheile der Kleinstaaterei allmählich zum Bewußtsein zu bringen und unser jetziges Ministerium, das in seiner staats retterischen Ueberstürzung nicht zu begreifen scheint, daß die kleinen Fürsten sich nur erhalten können, wenn sie durch Aufrechthaltung der Verfassung und der Ge setze mit ihren Völkern in Uebereinstimmung bleiben, hat das Maaß voll gemacht. Es ist kein Wunder, wenn man unter zwei Uebeln das Kleinste wählt, und soll die demokratische Einheit durch die Freiheit uns zunächst noch nicht beschieden sein, so muß es gewiß Jedermann vorziehen, einem großen als einem kleinen unserer sog. constitutionellen Staaten anzugehören, zumal wenn dieser große Staat durch eine Menge von Einrichtungen, so z. B. durch das Verwaltungs- und Heerwesen so große Vorzüge vor dem kleinen hat, wie Preußen vor Hessen. Die tiefe Abneigung gegen unser gegenwärtiges Regierungssystem und die Hoff⸗ nungslosigkeit auf Besserung unserer zerrütteteten Zu⸗ stände von Innen heraus, ist allen politischen Parteien des Volkes gemein und das Ministerium möchte sehr im Irrthum sein, wenn es glaubt, durch die famose neue Wahlverordnung sich eine gefügige zweite Kammer octroyiren zu können, selbst wenn es gelingen sollte, woran jedoch nicht zu denken, die Demokratie aus der Wahl zu verdrängen. Auch die Staatsdiener werden und müssen einsehen, daß die Wiedereinführung und Aufrechterhaltung der Verfassung gerade für sie am allerwichtigsten ist, denn ist in einem Lande einmal an die Stelle der Verfassung und der Gesetze, die Will⸗ kür und Anarchie getreten, so sind gerade sie, die un mittelbar von der Regierung abhängig sind, alles Schutzes und Rechtes baar und müssen entweder auf jede Selbstständigkeit verzichtend, sich zu blinden Werk zeugen der Gewalt hergeben, oder der Vernichtung ihrer materiellen Existenz und Verfolgungen jeder Art ent⸗ gegensehen. Die Aufhebung unzweifelhaft zu Recht bestehender Gesetze, kann nur, wenn unsere Gerichte dieselben ohne Weiteres für gültig anerkennen und statt nach dem Gesetz, nach den Ordonnanzen, z. B. unserer neulichen Preßverordnurg, entscheiden, das Vertrauen auf die Unabhängigkeit und Gesetzestreue der Gerichte gänzlich vernichten und das Rechtsbewußt sein des Volkes förmlich ausrotten. So kann eine Regierung die Stützen des bestehenden Staatsgebäudes gänzlich untergraben und es durch systematische Ver⸗ letzung und Mißachtung der Rechte des Volkes dahin bringen, daß dieses sich der Einverleibung mit einem größeren Staat, als einem glücklichen Ereigniß, ent⸗ gegensehnt.

§* Darmstadt, 12. Oct. Hier scheint man in gewissen Kreisen wieder munter und guter Dinge zu sein, seit durch das betroyirte Wahlgesetz die verhaßte Demokratie der Mittel beraubt zu sein scheint, durch ihre Abgeordneten am Landtage einen für die Bureau⸗ kratie so lästigen Einfluß auf die Gestaltung der staat⸗ lichen Verhältnisse zu üben. Nur die Gothaer, die man sür eine wohlorganisirte Partei von großem An⸗ hange hält, flößt noch einige Furcht ein, und es wurde deshalb unterm Heutigen wieder eine der prophezeihen⸗ den Halbmondskorresponden in dieO.⸗P.⸗A.⸗Z. ge⸗ schickt, welche die, durch Einschüchterung zu bewirkende, Gewinnung der Gothaer bezwecken soll. Es wird darin dem Herrn Reh und Consorten eröffnet, daß die Re⸗ gierung auf dem nächsten Landtage gegen die Gothaer versöhnlich, aber consequent auf ihren Grundsätzen be⸗

harrend, auftreten werde. Sollten diese aber dem Mi⸗ nisterium durch Oppositionsmacherei den Fehdehandschuh hinwerfen, dann werde dasselbe gegen die Führer das Material benutzen, welches die letzten Jahre in reichlichen Maße, namentlich in unserem Lande dar⸗ böten. Tröstliche Aussichten für Herrn Reh, Gagern und Wernher von Nierstein, wenn denselben wegen Theilnahme am Vorparlamente, der Proklamirung der Volkssouveränität ꝛc. der Prozeß als Hochverräthern gemacht wird! Doch soweit werden es hoffentlich diese Biedermänner nicht kommen lassen, sie werden, wie es klugen Staatsmännern geziemt, den Umständen Rech⸗ nung tragen, sich ins Unvermeidliche fügen, und nicht durch unnütze Opposition sich ins Unglück stürzen. Der schlaue Correspondent derO.⸗P.⸗A.⸗Z. kannte seine Pappenheimer, als er ihnen mit dem Loch drohte. Nebenbei erfahren wir noch aus derselben Quelle, daß der neueLandtag Ende November zusammentritt, und daß es die Aufgabe desselben ist, durch Bewilligung des Budgets und der Civilliste die zurErhaltung des Staates benöthigten Gelder zu schaffen.

Or Varmstadt, 13. Oct.[Blüthenlese aus der Darmstädter Zeitung.]Die Demokratie weiß, was sie will, und will, was sie weiß. Ihr Hauptmanöver ist eine geschlossene Bewegung en masse gerade auf das Ziel los ꝛc. Wer aber weiß, was er will, und will, was er weiß; wer es treu und redlich mit der guten Sache meint, wer Alles für dieselbe einsetzen kann, wer mit seiner Ueberzeugung und für seine Ueberzeugung muthig und offen stehen und ster⸗ ben kann, der ist der Feind aller jener herz- und kopf⸗ losen Halbmänner, die gedankenlos geschehen lassen, was Alle wollen.(Darmstädter Zeitung Nr. 276.) Was zunächst die Lehren der Demokratie betrifft, so ist bekannt, daß sich dieselben mehr in den nebelhaften Gebieten der Abstraktion bewegen, als auf dem Boden des Lebens und der Erfahrung. Ihre politischen Schablonen schneiden sie aus dem Kopfe zu und suchen dann die staatlichen Verhältnisse darnach zu formen. An ihrer Spitze stehen zum Theil ehrliche Schwärmer, die, in idealen Träumereien befangen, eher Alles Andre sein mögen, als ruhig überlegende und handelnde Staats⸗ männer. Die eigentlichen Bundesgenossen der Demo⸗ kratie aber bestehen zu einem großen Theil aus ver⸗ kommenen, mit Gott und der Welt zerfallenen Menschen, die in politischen Fragen völlig unzurechnungsfähig sind. (Darmst. Ztg. Nr. 277.)

Nach diesen glänzenden Proben von Darmstädter Staatsweisheit und Parteikenntniß, müssen wir uns und das Publikum lachend fragen, wer denn nun ei⸗ gentlich unzurechnungsfähig ist, die Demokraten oder die Darmstädter Zeitung, das hessische Regierungsor gan?Nebelhafte Abstraktion Schwärmer ideale Träumereien und:die Demokratie weiß, was sie will, und will was sie weiß das klingt noch etwas ärger, als ein schwarzer Schimmel oder gescheidte Dummheit. Und bei dem letzten wollen wir bleiben, und wollen dem Herrn Dräxler-Fischer nun doch ein⸗ mal sagen, was wir wollen und was wir träumen: Wir wollen, daß die Herren Staatslenker in Darmstadt immer einen so pfiffigen und geistreichen Redacteur für

ihre Hofzeitung haben mögen, als jetzt; und wir träu⸗

men, daß es dem Herrn Dräxler-Fischer und seinen

hohen Protektoren recht bald vergönnt sein möge, mit;

der nebelhaften Abstraktion der Demokratie und ihren ehrlichen Schwärmern von Hand zu Hand bekannt zu

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