Ausgabe 
25.7.1850
 
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Kr. 148.

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Hessischer

Erster Jahrgang.

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Zuschauer.

Gießen, Donnerstag den 25. Juli

1850.

Zur Finanzfrage. II. 5 Civil- und Militärpenstonen. (Schluß.)

Ein fernerer Umstand, wodurch dem Lande, be⸗ sonders in neuester Zeit, eine große Masse von Pen- sionsunkosten entstanden sind, ist der, daß man Beamte, welche in politischer und anderer Beziehung mißliebig wurden, ohne Bedenken in Ruhestand versetzt. So sind 3. B. erst kürzlich zwei Beamte, ein Landrichter und ein Obereinnehmer, wider ihren Willen pensionirt worden. Dieselben, noch ganz rüstige Männer, hätten noch 15 bis 20 Jahre lang ihren Dienst versehen können, wodurch die jetzige Mehrausgabe von 39 bis 52,000 fl. hätte vermieden werden können. Ein an⸗ deres höchst augenfälliges Beisptel von Penstontrungs⸗ maßregeln liefert der jetzige Vicepräsident des Ober⸗ Consistoriums, Herr Jaup. Derselbe wurde, aus dem einzigen Grunde, weil er politisch oder vielleicht auch persönlich mißliebig war, von Herrn du Thil mit 4000 fl. im Jahr 1835 pensionirt, und setzte noch auf dem Wege des Processes durch, daß ihm auch die Pferdefourage gezahlt werden mußte. Wegen einer Caprice des Herrn du Thil mußte also das Land 13 Jahre lang 4300 fl., also im Ganzen 55,900 fl. im wahren Sinne des Wortesfür die Katzen zahlen. Ein Graf Pappenheim, der früher einmal Gesandter in Paris war, und wie man sagt wegen Un⸗ fähigkeit pensionirt wurde, bezieht jährlich über 3000 fle der bekannte Fürst von Wittgenstein soll an Pensionen mehr als 20,000 fl. erhalten; Herr du Thil genießt für seine saubere Thätigkeit als Minister mehr als

8000 fl. jährliche Pension, ja sogar der steinreiche Herr von Rothschild in Frankfurt erfreute sich, als · früherer landgräflicherHofjude, einer Pension von circa 160 fl.

Die angeführten Beispiele, welche leicht noch ver⸗

vielfältigt werden könnten, werden mehr als genügen,

um zu zeigen, daß seither nicht so, wie es sein sollte, bei Vertheilung von Pensionen mit den Staatsgeldern gewirthschaftet wurde, und daß eine Revision dieses Zweiges unseres Budjets durch eine aus bewährten Volksmännern zusammengesetzte Kammer, vor Allem Noth thut. Denn die übrigen Ausgabe⸗ posten werden von den Ständen jedesmal nur für die Dauer von drei Jahren bewilligt, während eine Pen⸗ sion an einen, noch nicht sehr bejahrten Beamten er⸗ theilt, dem Lande durschnittlich 1520 Jahre aufge⸗ bürdet bleibt. Nehmen wir z. B. nur die Vermehrung

der Pensionen um 55,000 fl., welche in den bei den letzten

Jahren eintrat, und ziehen wir davon noch 10,000 fl. ab für solche höhere Beamte(wie z. B. Ministerial⸗ rath Breidenbach), welche später wieder im Staats⸗ dienste verwendet werden, so ist dadurch dem Staate eine Ausgabeverbindlichkeit von 12 oder 18 mal 45,000, oder 540,000 810,000 fl. aufgehalst.

Zieht man aus dem Vorgehenden einen Schluß, und bedenkt man, daß allein bei den oben erwähnten einzelnen Beispielen von unnöthigen oder zu hohen Pensionirungen wenigstens 30,000 fl. hätten erspart werden können, so wird die Behauptung: daß die jähr⸗ liche Ausgabe von 475,000 fl. für Pensionen, min⸗ destens um ½ oder um circa 120,000 fl. vermindert werden muß, gewiß jeden Unbefangenen als vollkommen begründet und gerechtfertigt erscheinen.

(Wird demnächst fortgesetzt.)

Gießener Universitätsverhältnisse.

Den zweiten Hauptgrund des unwissenschaftlichen Lebens auf unserer Universität, finden wir in den Professoren selbst, resp. in einem großen Theile derselben, und dieß ist gerade der Punct, auf den wir näher einzugehen beabsichtigten. Es ist nicht in Abrede zu stellen, daß einzelne Leute an der Universität sind, welche wir, obwohl wir viel über ihre Persönlichkeiten sagen, viel schöne Geschichten aus ihrem Privatleben erzählen könuten, wegen ihrer wissenschaftlichen Vortrefflichkeiten nicht anzutasten wagen. Wir erinnern nur an den Träger und Begründer des Rufs der Gießener Universität, an Liebig, dem man in an⸗ deren Fächern noch Einzelne beigesellen kann, wie z. B. v. Löhr und Bischoff. Daneben finden wir aber auch eine große An⸗

zahl Vertreter der ärmsten Mittelmäßigkeit, der anerkanntesten

Untüchtigkeit. Man erwarte nicht, daß wir die ganze Anzahl junger Leute durchnehmen, welche in jedem Semester Collegia ankündigen, ohne sie zu Stande zu bringen, oder die höchstens

nur vor 23 getäuschten und gelangweilten Zuhörern lesen. Leute, wie Schilling, Helmolt, Wetter, Mettenhei⸗ mer, Willbrand sind zu harm⸗ und ruflos, als daß wir

unsere Tinte um sie verschreiben möchten. Allein Einzelne aus

verschiedenen Facultäten dem Publicum einmal vorzuführen, können wir uns, obgleich wir ungern auf Persönlichkeiten ein⸗ gehen, doch nicht enthalten.

Unter den Professoren der evang. Theologie, von denen Credner wegen seines in der vormärzlichen Zeit geführ ten ehrenvollen Streites gegen Linde; Baur, wegen seines ehrenhaften Privatcharakters; Knobel, weniger wegen seinen wissenschaftlichen Leistungen, als wegen seiner die ganze Aula erfüllenden und bis auf die Straße dringenden Stimme(welche uns schon oft beim Vorübergehen erschreckt hat), einer Erwäh⸗ nung verdienen, ist besonders Prof. Köllner einer ganz be sonderen Beachtung würdig, nicht wegen seines neulich von an⸗ derer Seite schon erwähnten unzertrennlichen schwarzen Fracks, sondern wegen seines ganzen Auftretens auf dem Lehrstuhle, wie

BS