Schmieröle werden heute nicht allein aus dem Petroleum, sondern auch auf anderen, von den Chemikern neu gefundenen Wegen aus uns leichter erreichbaren Stoffen bereitet. 8

Auch den für den menschlichen Körper so nötigenBetriebs- stoffen, den Nahrungs- und Genußmitteln, hat die Chemie ihre Sorge angedeihen lassen. Hat sie einerseits durch eine scharfe chemische Kontrolle den Nahrungsmittelfälschern das Handwerk ganz gelegt oder mindestens erschwert und die Verbraucher vor Schädigung an Gesundheit und Vermögen geschützt, so hat sie auch andererseits dazu beigetragen, weniger wertvolle Nährmittel zu veredeln und für den Genuß brauchbar zu machen. Hier sei nur an die Härtung der 9 und Trane erinnert, die so für die Ernährung brauchbar werden.

Die kurzen Ausführungen werden genügt haben, um die Be⸗ deutung der Chemie für unser ganzes Volk zu zeigen. Auf unerreichter Höhe stehen heute noch deutsche chemische Wissenschaft und Industrie, beneidet von dem Auslande. Welches sind nun die Gründe für die Sonderstellung, welche wir Deutsche in der Chemie unter den Völkern einnehmen? Haben wir in Deutschland vielleicht besonders viele große Erfinder? Oder hat Deutschland in besseren Zeiten besonders gut eingerichtete Forschungsinstitute erbaut? Nein, das ist es nicht. England und Frankreich haben ebenfalls große Erfinder hervor⸗ gebracht, und sie verfügen auch über gute Forschungsinstitute.

Die für den Betrieb unserer Maschinen unbedingt nötigen

Vielfach wird als Grund für die hohe Entwicklungsstufe der Chemie in Deutschland der innige Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Industrie angegeben, und fraglos liegt darin viel Wahres. Doch macht man sich von dem Wesen dieser Beziehungen oft ganz falsche Vorstellungen. Die wirklich erfolgreiche Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Industrie besteht nicht darin, daß einzelne Hochschullehrer und Forscher bahnbrechende Erfindungen machen, die von der Industrie ausgenutzt werden. Solche Fälle sind vorge kommen, aber sie sind nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Viel wichtiger ist, daß unsere Aniversitäten und Hochschulen der Industrie ein großes Heer junger Chemiker zur Verfügung stellen, die so gut ausgebildet sind, daß sie die Ideen großer Erfinder auf⸗ nehmen und mit dem ganzen Rüstzeug der Wissenschaft durch und weiterführen können. Wollen wir, daß die Chemie in Deutschland auf ihrer jetzigen Höhe bleibt, d. h. daß uns die anderen Völker trotz ihrer Anstrengungen nicht über flügeln, so müssen wir besonders in der jetzt für unser Vaterland so bösen Zeit alles daran setzen, daß unser chemischer Nachwuchs die denkbar beste Ausbildung erhält. Die Anterrichtslaboratorien an den Aniversitäten dürfen also nicht abgebaut, sondern müssen noch weiter ausgebaut werden. Das ganze deutsche Volk würde darunter zu leiden haben, wenn deutsche chemische Wissen⸗ schaft und Industrie von ihrer Höhe herabsteigen müßten.

Herr Fabrikbesitzer Dr. Leitz, Wetzlar:

Die Bedeutung der Aniversitäten, und speziell der Landesuniversität Gießen für unseren Betrieb ist ganz besonders typisch, da die von uns hergestellten Produkte in der Hauptsache für wissenschaftliche Zwecke Verwendung finden. Hierzu ist es für uns dauernd von der größten Bedeutung, mit den wissenschaftlichen Arbeiten an den Aniversitäten in Verbindung zu bleiben zur Anpassung der notwendigen Apparatur an die Entwicklung der wissenschaftlichen Forschung. Aus der Nähe Gießens zu uns hat sich natürlich eine ganz besonders enge Fühlungnahme entwickelt, auf deren Pflege wir stets den größten Wert gelegt haben. Dieselbe Erscheinung hat sich auch anderwärts in Deutschland zwischen den Aniversitäten und den dort ansässigen Firmen unserer Branche herausgebildet zum größten Vorteil für deren Entwicklung. Der hohe Stand der deutschen Wissenschaft verlangte eine Anpassung ihrer Hilfsmittel und half so mit, die führende Stellung dem deutschen, wissenschaft⸗ lichen Apparatebau zu erobern, die er noch heute unbestritten innehat.

Auch bei den Konstruktionen der Apparaturen, die noch bis vor wenigen Jahrzehnten in den meisten Fällen empirisch ausgeführt wurden, hat namentlich in Deutschland, im Gegensatz zu dem Ausland, die Anwendung wissenschaftlicher Methoden erfolgreichsten Eingang gefunden. Hier waren es unsere Aniversitäten, die die geeigneten Wissenschaftler für die Industrie hervorbrachten.

Das Ausland macht in den letzten Jahren für seine optische Industrie die größten Anstrengungen, dem Beispiel Deutschlands zu folgen, um ein erfolgreiches Zusammenarbeiten von Wissenschaft und Technik zu erreichen. Man hat unsere Industrie in den hauptsächlichsten ehemaligen Feindesländern unter die sogenannten Schlüssel⸗Industrien einrangiert und gewährt ihr dort jede nur mögliche Anterstützung und Schutz. Frankreich hat ein eigenes optisches Institut mit großen Staats- mitteln errichtet, um mit dessen Hilfe Wissenschaftler für seine optische Industrie heranzubilden. In England ist dieOptical Society entstanden, deren Zweck die wissenschaftliche Forschung auf optischem Gebiete ist. In Amerika werden dauernd ungeheure Mittel angewandt zur Hebung der optischen Wissenschaft usw.

Es ist deshalb unbedingt notwendig, daß in Deutschland alles geschieht, was nur möglich ist, damit auch der optischen Industrie ihre Vorherrschaft und der errungene Vorsprung erhalten bleiben. Ansere Industrie dürfte auch deshalb besondere Beachtung verdienen, weil sie eine Veredelungs-Industrie par excellence ist, die wertvollste Produkte erzeugt, welche vornehmlich ins Ausland abgesetzt werden und dadurch ihr entsprechendes Teil zur Wiederaufrichtung unserer Wirtschaft beitragen kann. Zudem kann sie durch die Art ihrer Arbeit vielen unserer Volksgenossen angenehmere Arbeitsbedingungen und durch den Wert ihrer Produkte bessere Lebenshaltung verschaffen als manche andere Industrien. Ansere Aniversitäten sind der wichtigste Nährboden für unsere Industrie; sie zu erhalten und weiter zu entwickeln ist von entscheidender volks

wirtschaftlicher Bedeutung.

Das hoch kultivierte Deutschland hat viel zu wenig Aniversitäten, man vergleiche nur mit anderen Ländern; allein

die kleine Schweiz hat deren sieben.

Das Physikalische Institut.

Von W. König und P. Cermak. 5

Seit 25 Jahren besitzt die Gießener Aniversität ein gutes Physi⸗ kalisches Institut. Während um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Professor Buff noch das Erdgeschoß seines Hauses als Physikalisches Kabinett benutzte, konnte Röntgen schon im jetzigen Kollegienhause ein dem damaligen Stande der Physik genügendes Laboratorium einrichten. Aber bei dem raschen Fortschritt physikalischer Forschung reichten unter seinem Nachfolger Himstedt diese Räume schon nicht mehr aus. Er und vor allem Wiener lieferten die Pläne zu einem zeitgemäßen Neubau, der 1898/1900 fertiggestellt wurde. Dieses neue Institut galt damals in ganz Deutschland als Muster zweckmäßiger Anlage und Einrichtung, und die späteren Inhaber des physikalischen Lehrstuhls haben ihm durch Vervollständigung seines Inventars und Ausbau der Arbeitsmöglichkeit auf allen Teilgebieten der Physik seine treffliche Eignung für Forschung und Lehre erhalten). Auch die Gießener Hochschulgesellschaft hat in den letzten Jahren, wenn die laufenden Mittel zur Erwerbung wichtiger Forschungsmittel nicht reichten, zun modernen Ausgestaltung des Instituts beigetragen.

Eine ganze Generation Studierender hat nun schon ihre physi kalische Ausbildung im neuen Institute genossen; schon hören und arbeiten da die Söhne derer, die den Bau einweihen halfen. Freilich hat sich vieles geändert seit jenen Zeiten. Da das Gebiet der Physik sich erweitert hat, da die moderne Physik nicht nur von dem getrieben wird, der ihr Studium zum Hauptfache erwählt, um als Forscher oder als Techniker oder als Lehrer an höheren Schulen zu wirken, sondern auch für den Chemiker und Pharmazeuten, den Arzt und Tierarzt, für den Forstmann, Geodäten und Landwirt eine unent⸗ behrliche Grundlage seiner wissenschaftlichen Ausbildung bedeutet, hat sich der Kreis der physikalischen Vorlesungen und auch die Zahl der Dozenten seit jener Zeit stark erweitert. Außer der Haupt⸗

) In welchem Maße dabei die benachbarten Industrien, die optischen Firmen, vor allem die Firma Leitz und neben dieser die Firma A. Pfeiffer in Wetzlar, dem Institute durch Stiftung kostbarer Apparate und wertvoller Forschungsmittel behilflich

gewesen sind, das muß hier ganz besonders hervorgehoben werden.