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28. Nov.

Sechste Sonderbeilage

Herr Generaldirektor Bergrat Dr. ing. h. c. Groebler, Ehrensenator der Aniversität Gießen:

Henry Ford, der amerikanische Automobilkönig, sagt in seinem vielumstrittenen Buch„Mein Leben und Werk“ auf Seite 121 der deutschen Ausgabe:

„... Wir sprechen von schöpferischer Begabung auf geistigem Gebiet in der Musik, der Malerei und bei anderen Künsten. Man bemüht sich förmlich, die schöpferischen Funktionen auf Dinge zu beschränken, die sich an die Wand hängen, in Konzertsälen hören und sonstwo zur Schau stellen lassen, wo müßige und wählerische Leute sich zu versammeln pflegen, um ihre gegenseitige Kultur zu bewundern. Wir brauchen Künstler, die die Kunst industrieller Beziehungen beherrs chen Wir haben die schöpferische Begabung allzusehr eingeengt und zu trivialen Zwecken mißbraucht...“ f

Für Ford gibt es also nur eine Kunst: Die Beherrschung der industriellen Beziehungen, alles andere ist trivial und ein Mißbrauch der schöpferischen Begabung. Kunst ist aber Vorbedingung aller Kultur; wir sprechen von einem Kultur⸗ volk erst dann, wenn seine Kunst eine gewisse Entwicklung erfahren hat. Auch Ford identifiziert Kunst mit Kultur.

Man muß Ford bewundern. Er ist ein großzügiger Organisator und Geschäftsmann, aber er ist kein großer Mensch, sonst würde er die Kultur nicht verleugnen. Ein deutscher Ford mit dieser Einstellung wäre unmöglich. Nicht weil die Ver— hältnisse beider Länder anders geartet sind, sondern weil die Menschen andere sind, hüben und drüben. Die Deutschen haben's in der Technik und im Geschäft auch erklecklich weit gebracht, aber sie alle, unsere tüchtigen Techniker und Geschäftsleute, fühlen sich zugleich als ein Teil des Volkes der Denker und Dichter; alle wollen Anteil haben an den höchsten Gütern, die die geistige Kultur unseres Volkes ausmachen. Das deutsche Gemüt, mag es alltags auch unter dem Einfluß harter Arbeit verstauben, kann für den Festtag diesen Anteil einfach nicht entbehren.

Ansere Kulturstätten, die hohen Schulen, leiden unter den Nachwirkungen des Weltkrieges. Der Staat, der sie

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ide zum Gießener Anzeiger

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früher mühelos unterhielt, ist arm geworden, der einzelne Mensch mit ihm. Aber sind wir so arm geworden, daß wir—

wenn uns schon die Lüge der Welt zu einem Volke zweiten Grades herabdrücken möchte— ohne Geisteskultur weiterleben, uns selbst und unsere Eigenart aufgeben müssen? Nein, und abermals nein! Naffen wir unsere letzten Kräfte zusammen, schreiten wir zur Selbsthilfe, wo der Staat nicht mehr helfen kann, auf daß der Quell nicht versiege, der unser geistiges Leben speist. Nur so werden wir uns selbst retten und den Verlust an ideellen und auch an materiellen Gütern wieder einbringen,

den uns eine Welt von Feinden verursacht hat. Wir Deutschen sind geistig nicht so bedürfnislos wie ein Ford. Die Luft,

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Der Grund dieser Bevorzugung ist klar: Der Garten vermittelt

in der wir atmen, wird belebt und gereinigt von dem Strom, der ausgeht von unseren geistigen Bildungsstätten; der macht uns tüchtig auch für das Erwerbsleben. Es besteht eine sehr greifbare Wechselwirkung zwischen beiden Faktoren. Geben wir unseren Hochschulen zurück, was sie uns zugute kommen lassen, und befruchten wir sie zu neuer Arbeit auf ihrem Gebiet,

wie sie uns befruchten zu immer neuer Anstrengung in güterschaffender Arbeit. Nur wenn der Geist die Materie beherrscht,

kann unser Vaterland wieder werden, was es war: Groß, stark, stolz und frei!

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Gießen, den 18. August 1924.

Der Botanische Garten.

Von Professor Dr. Küster.

Von allen Anstalten der Gießener Aniversität ist der Botanische

1 2 i— zumal im Frühsommer— den Botanischen Garten um der Garten die einzige, welche volkstümlich genannt zu werden verdient.

Freude am Schönen willen aufsuchen, und so berechtigt auch die Forderung sein mag, daß in dem landschaftlich so bevorzugten Garten

nicht nur Belehrung über eine Fülle von Pflanzenformen, sondern lohnt jeden Besuch mit dem hohen Maß von Genuß, das die Be—

trachtung grünender und blühender Gewächse auch dem ungelehrten Naturfreunde spendet. Die anmutige Lage des Gießener Botanischen

Gartens zwischen den Mauern des Alten Schlosses und den städtischen Promenaden, seine Ausstattung mit altem Allee⸗- und Waldbestand und sein malerisch von Schilf und Buschwerk umwucherter Weiher lassen uns eine Fülle schöner Landschaftsbilder in ihm vereinigt finden.

So groß auch die Zahl derjenigen sein mag, die alljährlich

das Pflanzenmaterial durch gefällige Anordnung und bunte Mischung das ästhetische Bedürfnis der Besucher befriedige, so bleibt doch die Hauptaufgabe des Botanischen Gartens, Belehrung über Fragen der Botanik zu geben— über Frogen, die bereits durch Betrachten der Gewächse im freien Lande angeregt und beant⸗ wortet werden, und namentlich über solche, die erst in der Anterrichts⸗ und Forschertätigkeit des Botanischen Laboratoriums ihre Er- ledigung finden können. Für solche Zwecke hat der Botanische Garten das erforderliche Pflanzenmaterial— zuweilen in sehr