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21. Nov. Fünfte Sonderbeilage
Der Kreisdirektor des Kreises Alsfeld Herr Dr. Stammler:
Die Bestrebungen der Gießener Hochschulgesellschaft verdienen gerade bei uns auf dem Land noch stärkere Anter— stützung und kräftigere Förderung als in der Stadt. Am Sitz unserer Landesuniversität und in der unmittelbaren Amgebung Gießens hat das Publikum Gelegenheit, durch Teilnahme an den Vorträgen unserer Professoren an seiner Verstands— und Gemütsbildung ständig weiterzuarbeiten, während für unsere oberhessischen Landkreise ein, über das Durchschnitts— niveau hinausgehender geistiger Genuß wegen mancherlei Schwierigkeiten zu den Seltenheiten gehört. Diese Schwierig— keiten können überwunden werden, wenn alle Bevölkerungskreise, denen das von der Gießener Hochschulgesellschaft ausgehende geistige Leben erwünscht und zugute kommt, zu finanzieller Anterstützung nach Kräften bereit sind. Dann werden nicht nur Professoren unserer Landes-Aniversität als Vertreter ihres Fachs in Vorträgen auch bei uns auf dem Lande zu Wort kommen, sondern es wird sich auch ermöglichen lassen, eine Zeitschrift herauszugeben, in der die Bedeutung der Hochschule für das kulturelle Leben unserer engeren Heimat gewürdigt wird. Deshalb sollte jeder Gebildete bei uns auf dem Land sich mit einem entsprechenden Beitrag zur Gießener Hochschulgesellschaft als Freund unserer Landes-Aniversität bekennen.
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Die Bedeutung der Chemie für unser Wirtschaftsleben.
Von Professor Dr. K. Brand.
Form von Salpeter oder Ammoniak, dem
Vor einigen Monaten wurde in Gießen die hundertste Wieder— kehr des Tages gefeiert, an dem einer der bedeutendsten und erfolg— reichsten Forscher und Lehrer unserer Landesuniversität, J. v. Liebig, zum Professor ernannt wurde. Die Liebigschen Lehr- und For⸗ schungsmethoden haben nicht nur die chemische Wissenschaft und Industrie mächtig gefördert, ihr Einfluß hat sich vielmehr auch als segensreich für alle anderen Teile der Naturwissenschaften erwiesen. Liebig selbst hat schon die Bedeutung, zu der er die Chemie geführt, richtig eingeschätzt, und er sagte einmal:„Kaum ist bis jetzt eine An⸗ forderung der Gewerbe, der Industrie, der Physiologie durch die wissenschaftliche Chemie unbefriedigt geblieben. Eine jede Frage, scharf und bestimmt gestellt, ist bis jetzt gelöst worden.“ Es soll mit wenigen Strichen versucht werden, von der Nolle, die die Chemie heute in unserem Wirtschaftsleben spielt, ein Bild zu entwerfen.
Ansere Feldfrüchte brauchen zum Aufbau der für unsere Er— nährung so wichtigen Eiweißstoffe, Fette und Kohlenhydrate Kohlen— säure, Wasser und Stickstoff. Kohlensäure entnehmen die Pflanzen in der Hauptsache aus der Luft, Wasser und Stickstoff, letzteren in Boden. Nur wenige Pflanzen, die Stickstoffsammler Erbsen, Bohnen, Lupinen, Klee usw., vermögen mit Hilfe von„Wurzelbakterien“ auch Luftstickstoff unmittelbar zu verwerten. Außerdem sind aber zum wirklichen Gedeihen der Pflanzen noch eine Reihe von Mineralstoffen nötig, von denen Magnesium- und Eisensalze, Kochsalz, Schwefel und Kieselsäure sich meist in genügender Menge im Boden befinden; Kalk muß nur gewissen Böden zugeführt werden. Andere, und gerade sehr wichtige Stoffe, nämlich Phosphorsäure, Kalisalze und auch Stickstoffverbindungen werden dem Ackerboden mit der Ernte in so hohem Maße entzogen, daß er daran verarmt und ein Ersatz dieser Stoffe nötig wird, wenn auf eine weitere gute Ernte gerechnet werden soll. Früher wurden die dem Boden entnommenen Stoffe ihm mit dem Stalldünger wieder zugeführt. Dieser vermag aber bei der heute üblichen und durchaus nötigen intensiven Boden⸗ bewirtschaftung einen vollen Ersatz nicht zu gewähren, und schon Liebig hat auf die Zufuhr mineralischer Kunstdünger mit Nachdruck und Erfolg hingewiesen Diese Kunstdünger liefert der Landwirtschaft die chemische Industrie, der es im Verein mit der chemischen Wissen—
schaft gelungen ist, die mineralischen Dünger in einer solchen Form
herzustellen, welche eine schnelle Aufnahme durch die Pflanzen sicherstellt.
Phosphorsäure findet sich in der Natur als in Wasser unlösliches neutrales Kalziumphosphat, das nur sehr langsam aufgeschlossen und von den Pflanzen aufgenommen wird. Beim Behandeln mit Schwefelsäure geht dieser unlösliche neutrale phosphorsaure Kalk in ein Gemisch von Gips und löslichem sauren phosphorsauren Kalk über, das unter dem Namen Superphosphat als Düngemittel weitgehende Verwendung findet. Neben dem Superphosphat steht noch das Thomasmehl als Phosphorsäuredünger zur Ver— fügung. Thomasmehl entsteht bei der Befreiung des Flußeisens von Phosphor nach dem Verfahren von Thomas und Gilchrist, es enthält die Phosphorsäure zwar nicht in wasserlöslicher, aber doch in einer solchen Form, daß sie von der Pflanze aufgenommen werden kann, wenn hierzu auch längere Zeit nötig ist als beim Superphosphat.
Deutschland verfügt über reiche Kalisalzlager, und so kann unsere Landwirtschaft dank wohldurchdachter und wirtschaftlich arbeitender Aufbereitungsverfahren ausgiebig mit Kalisalzdüngern versorgt werden.
Stickstoff wurde früher, wenn wir vom Stalldünger absehen, dem Boden fast nur in Form von Natronsalpeter, sog. Chilesalpeter, zugeführt, und 1913 führte Deutschland für etwa 166 Millionen Goldmark Chilesalpeter mehr ein als aus, dessen Hauptmenge der Landwirtschaft zugeführt wurde. Diese Zufuhr hörte natürlich im Kriege sofort auf, und es war ein Glück, daß uns in dem bei der Bereitung von Koks und Leuchtgas aus unseren heimischen Stein⸗ kohlen abfallenden Ammoniumsulfat ein brauchbarer und lange erprobter Stickstoffdünger zur Verfügung stand, dessen Stickstoff von den Pflanzen allerdings etwas langsamer aufgenommen wird als der Salpeterstickstoff.
Die Abhängigkeit von den chilenischen Salpeterlagern, deren Vorrat in nicht allzuferner Zeit übrigens erschöpft sein soll, wurde überall, namentlich aber in dem leicht zu„isolierenden“ Deutschland als drückend empfunden, und so haben sich denn schon seit langer Zeit die Chemiker bemüht, den in der Luft vorhandenen Stickstoff, dessen Vorrat nach menschlichen Begriffen unerschöpflich ist, in Salpetersäure oder salpetersaure Salze überzuführen. Schließlich ist dies auch mit Hilfe des elektrischen Flammenbogens gelungen. Der Stickstoff verbrennt im elektrischen Flammenbogen zu Stickstoff⸗ sauerstoffverbindungen, die mit Wasser und Luft in Salpetersäure verwandelt werden. Von den zahlreichen empfohlenen, zum Teil auch wirklich angewandten Verfahren seien nur das der Norweger


