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10. Nov. Dritte Sonderbeilage

Herr Professor Dr. Ferdinand Werner, Butzbach, M. d. R. u. d. H. L.:

Die Aniversität Gießen hat als Nachbarin von Frankfurt, dem reichen, und Marburg, dem von dem ganzen Zauber studentischer Romantik umflossenen, an sich schon keinen leichten Stand. Dazu kommt nun schon seit Jahren die schwere Not der Zeit, die das gesamte geistige Leben beschattet und drückt,

die aber besonders in unserm kleinen Staate mit seinen beiden Hochschulen doppelt stark und drohend auftritt. Hat doch schon manchmal und nicht aus unmaßgeblichem Munde die Frage zur Erörterung gestanden: Kann unser Land sich auf die Dauer zwei hohe Schulen leisten? Muß nicht zum mindesten ein. Abbau von Fakultäten in Gießen unter An⸗

lehnung an Marburg stattfinden?

Was eine solche Maßnahme für Gießen, Oberhessen, für das ganze Hessenland bedeuten müßte, braucht wohl

nicht auseinandergesetzt zu werden.

Dienn Gießen war und ist ein bei dem verschiedenen Charakter unsrer drei Provinzen dringend notwendiges

stammliches und geistiges Einigungsmittel ersten Ranges, das wir gar nicht entbehren können.

Aber unser Bundesstaat muß ja selber um sein Leben kämofen, und kein noch so radikaler Abbau beseitigt den Fehlbetrag im Staatshaushalt, die Steuerquellen sind dazu, nach Ansicht des Finanzministeriums, erschöpft.

Was geschieht also mit unserer lieben Alma mater?

Der Staat wird ihr auch in Zukunft leisten was er vermag, den Rest muß private Hilfe decken.

Auch hier brauche ich nicht auseinanderzusetzen, weshalb die Zeitverhältnisse überschwengliche Hoffnungen von vorneherein zerstören. And doch muß geholfen werden, wie man den Studenten für Heim und Hilfe gesorgt hat.

Ohne wirtschaftliche Grundlagen ist Kultur und geistiges Leben unmöglich.

Ansere Aniversität braucht Bücher, Werkzeuge, Einrichtungen, Abungsräume, Heizstoffe und

tausend andere Dinge.

Denn die Entwicklung darf hier am wenigsten stillestehen.

Wer hilft da miterhalten, mehr noch: wer hilft unentbehrlich Neues schaffen?

Die staatlichen Mittel zu stärken, der„Gießener Hochschulgesellschaft“ ihr bedeutsames Werk fördern helfen, dies gilt für alle, denen Gießen mehr ist als flüchtige Erinnerung, die es in irgendeinem Sinne Heimat nennen und dich als solche kennen und lieben mit„deiner Gegend Pracht, mein Gießen an der Lahn“.

Das Studium der Landwirtschaft an der Universität Gießen.

Von Dr. H. Kraemer.

In einem prächtigen Buche über„die drei Bevölkerungsstufen“, das ich 1915 auf Wunsch der Lindauerschen Aniversitätsbuchhandlung in München neu herausgab, hat Dr. Hansen in Neuburg an der Donau die Frage der Bedeutung des Bauernstandes für die Blüte der Staaten untersucht. Von den drei Hauptständen der Bevölkerung ist nur jener der Grundbesitzer von Dauer. Der städtische Mittel⸗ stand erneuert sich vorwiegend vom Lande, und der Arbeiterstand nimmt alle die auf, die im Kampf ums Dasein zurückbleiben. So entsteht ein Bevölkerungsstrom, eine innere Wanderung des Volkes, 5 deren Stärke und Schnelligkeit bedingt die kulturelle Höhe des

taates.

Die Patrizier, die„besten Familien“ der Städte, haben im Mittelalter die Neigung zum Aussterben gezeigt, und immer wieder wurden neue Familien geadelt. So sehen wir auch heute in den Großstädten die Kinderarmut gerade in den wohlhabenden Kreisen,

und das rasche Anwachsen der Volkszahl beruht dort vorwiegend auf der Vermehrung der Arbeiter und dem Zustrom vom Lande. Dieser letztere liefert ganz besonders die frischen, gesunden und kultur⸗ fähigen Teile, und wo er versagt, da ist Niedergang und Entartung.

An der Geschichte der großen Kulturstaaten wird von Hansen in geistvoller Weise gezeigt, daß diese alle nach ehernen, wirtschaft⸗ lichen und kulturellen Gesetzen zur Macht emporstiegen, um dann aus Mangel an Verständnis für die Bedeutung der Landwirtschaft als urewiger Quelle der Kraft dem Niedergang zu verfallen. Alle führenden Geister im wirtschaftlichen Leben und besonders die Politiker sollten dies Buch einmal lesen, um sich aus engeren Hori⸗ zonten zu weiteren durchzuringen, zur weltgeschichtlichen Betrachtung der Dinge.

Von der Stufe einfacher Agrarstaaten steigen die Weltmächte empor. Die Gewerbe entwickeln sich, die Industrien beginnen sich