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Liebe für das heimatliche Volksleben; lokale Geschichtsvereine (Friedberg, Lauterbach, Alsfeld, Biedenkopf, Worms, Ingelheim u.a.) pflegen die Volksüberlieferungen; dankbar genannt seien auch die von Prälat D. Dr. Diehl herausgegebenen„Hessischen Volksbücher“, unter deren Bändchen ich hier nur den Neudruck des Werks von W. Butte, Karl Baders„Hessische Sagen“ und Wilh. Müllers„Rheinhessisches Heimatbuch“ hervorheben möchte. Erfreulich ist auch das Entstehen zahlreicher Heimatmuseen, in denen die Gegenstände, die man als„sachliche Volkskunde“ bezeichnet, für die Nachwelt gesammelt werden. So viel aber auch in dieser Richtung geschieht, so sind wohl zu keiner Zeit in dem Maße wie jetzt die alten Volksüberlieferungen, Sitten und Bräuche der Ver⸗ nichtung und dem Vergessenwerden ausgesetzt gewesen; gewiß ist manches reif zum Antergang, und man soll die Entwicklung nicht auf⸗ halten. Mit vielem gehen aber unserem Volk auch wertvollste Güter und segensreiche Schutzmittel gegen geistige und sittliche Zersetzung
geeigneter Ersatz geboten wird oder werden kann. Für die wissen⸗
schaftliche Forschung ist es jedenfalls von der größten Wichtigkeit, daß das alles wenigstens noch getreu aufgezeichnet wird, ehe es zu spät ist. Da kann jeder mitarbeiten, der unser Volk liebet, und wenn er es recht anfängt, wird ihn diese Arbeit beglücken: das Geschäft das Sammelns, sobald es einer ernstlich tun will, verlohnt sich bald der Mühe, und das Finden reicht noch am nächsten an jene unschuldige Lust der Kindheit, wann sie in Moos und Gebüsch ein brütendes Vöglein auf seinem Nest überrascht; es ist auch hier ein leises Auf⸗ heben der Blätter und behutsames Wegbiegen der Zweige, um das Volk nicht zu stören und um verstohlen in die seltsame, aber bescheiden in sich geschmiegte, nach Laub, Wiesengras und frisch⸗ gefallenem Regen riechende Natur blicken zu können“(Br. Grimm). Sache der volkskundigen Gelehrten wird es sein, diese Schätze für die künftige Forschung aufzubewahren und zu ordnen, sie philologisch⸗ historisch, vergleichend und psychologisch zu bearbeiten, um damit zu
unwiderbringlich verloren, ohne daß ihm dafür rechtzeitig ein[neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gelangen.
Herr Generaldirektor Dr. ing. Bruno Möhring, Butzbach:
Waren die gewaltigen Leistungen unserer deutschen Wissenschaft auf den verschiedenen Wissensgebieten um die letzte Jahrhundertwende zum Ausgangspunkt einer wirtschaftlichen Entwicklung geworden, die Deutschland zur schnellen Wirtschaftsblüte heranführte, so bedarf es heute mehr denn je derselben deutschen Wissenschaft, um Deutschlands Wieder⸗ aufbau auf einer sicheren Grundlage beginnen und erfolgreich ausführen zu können. Staat und Gesellschaft werden sich bei der zukünftigen Gestaltung unserer deutschen Verhältnisse um so besser stellen, je besser und schneller es der deutschen Wissenschaft gelingt, neue Bahnen auf dem Wege fortschrittlicher Entwicklung zu zeigen. Hieraus erwächst für Staat und Gesellschaft gleichzeitig die Ehrenpflicht, unsere deutsche Wissenschaft nach besten Kräften zu fördern.
Ich begrüße es, daß die benachbarte Hessische Landes-Aniversität zur Erfüllung ihrer Aufgaben bereits einen Verein von Freunden und Förderern zur Seite hat, der als„Gießener Hochschulgesellschaft“ bereit ist, der Landes⸗ Aniversität die Möglichkeit zu Anschaffungen zu geben, für die eine Bereitstellung aus staatlichen Mitteln nicht in Frage kommt. Ich wünsche der Gießener Hochschulgesellschaft die besten Erfolge auf dem von ihr beschrittenen Wege; den Freunden und Förderern der Gesellschaft sollte der Gedanke an ein glücklicheres Deutschland Veranlassung genug sein, helfend einzugreifen, wenn es gilt, deutsches Land und deutsches Volk durch deutsches Wissen zu gesunden. Ich hoffe das, indem ich
die Gießener Hochschulgesellschaft gleichzeitig meiner besonderen Förderung versichere. g 2 5 9 8 0 Herr Bankdirektor Grießbauer, Ehrensenator der Universität Gießen:
Mehr denn je ist es notwendig, daß im wirtschaftlichen Leben Praxis und Theorie zusammengehen.
Wir haben den Krieg trotz heldenhafter Gegenwehr verloren und uns militärisch wehrlos gemacht, sorgen wir dafür, daß wir nunmehr nicht auch noch wirtschaftlich vollkommen überwunden werden. And es sind starke Gewalten am Werke, um uns auch auf diesem Gebiet zu zermürben und zu zersetzen. Außenpolitische und innerpolitische Gewalten. Außen⸗ politische, die unser wirtschaftliches Wiederaufrichten aus nationalem Egoismus mit allen Mitteln niederzuhalten versuchen, und innerpolitische, die den Kampf zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu einer gewaltsamen Entscheidung bringen wollen.
In diesem Kampf stehen uns, wenn wir von der Arbeitsfreudigkeit, dem Anternehmungsgeist und den Fachkenntnissen, die in allen Zweigen des wirtschaftlichen Lebens unzweifelhaft vorhanden sind, absehen, nur geistige Waffen zur Verfügung, die uns aus den Kreisen der Wissenschaft gestellt werden können. Nur wer frei ist von dem zermürbenden und aufreibenden Schaffen des Tages, kann die großen Richtlinien erkennen und klarlegen, auf denen sich unser wirtschaftliches und soziales Leben geschichtlich entwickelt hat und sich voraussichtlich weiter entwickeln wird, kann aufklären über die tieferen Arsachen des wirtschaftlichen Geschehens und alle Möglichkeiten erschöpfen, wie wir diesen Kampf mit Erfolg bestehen können.
Praxis und Wissenschaft haben die Vergangenheit gemeinsam verlebt, sie werden auch in Gegenwart und Zukunft aneinander gekettet sein. Beide sind aber vielfach nur nebeneinander gewandert und nicht in wünschenswertem Maße ineinander aufgegangen. Sie haben ihre Erfahrungen meist für sich behalten und sie nicht, was der Gesamtheit förderlich gewesen wäre, gegenseitig ausgetauscht und für beide Teile nutzbar gemacht.
Wenn deshalb die Anregung Ihrer geschätzten Zeitung,„der Aniversität den Weg zu einem ständigen, innigen Verbundensein mit den breitesten Bevölkerungsschichten zu ebnen“, Erfolg haben soll, so müssen die akademischen Kreise ihr Betätigungsfeld— der akademischen Jugend Belehrung und Förderung zu bieten— etwas weiter ausdehnen; alle Kreise des Erwerbs- und Wirtschaftslebens würden es dankbar begrüßen, wenn ihnen mehr als bisher die Ergebnisse wissen⸗
schaftlicher Forschung vermittelt würden. Wir aber, die wir im Wirtschaftsleben stehen, sollten auch uns daran gewöhnen, unsere praktischen Erfahrungen den akademischen Kreisen zur Verfügung zu stellen, um so eine Arbeits- und Notgemeinschaft
im idealsten Sinne zu bilden. 5 f
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Gießen, den 28. August 1924.


