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des gesamten Nachlasses unter der Leitung von John Meier ist leider durch den Krieg vereitelt worden.

In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts setzt ein neues Aufblühen der deutschen Volkskunde ein. Otto Böckel, der als Gießener Student den Grund zu seiner Volksliedersammlung (Deutsche Volkslieder aus Oberhessen, 1885) gelegt hat, beschließt seine Vorrede zu der von ihm herausgegebenen 3. Auflage von VilmarsHandbüchlein für Freunde des deutschen Volksliedes, 1886, mit einem Mahnruf, auch in Deutschland, demVaterland der Folkloristik, die volkskundliche Sammlung und Forschung wieder neu zu beleben und durch die Verbindung mit Ethnographie und Kulturgeschichte zu befruchten. Was durch solche vergleichende Volkskunde zu erreichen ist, zeigt sein schönes BuchPsychologie der Volksdichtung(1906). Das Schiksal hat Böckel vom Pfad der Wissenschaft weit abgeführt, und erst nach dem Scheitern seiner politischen Laufbahn kehrte er wieder zur Volkskunde zurück, die ihm u. a. noch einHandbuch des deutschen Volksliedes, eine gute Darstellung derdeutschen Volkssage undDorfbilder aus Hessen und der Mark zu verdanken hat. 1891 gründete Karl Weinhold in Berlin denVerein für Volkskunde und dessen Zeitschrift, in den nächsten Jahren entstanden zahlreiche volks⸗ kundliche Vereine für einzelne Landschaften, und ebenso erschien neben E. H. MeyersDeutscher Volkskunde eine ganze Reihe wertvoller Darstellungen der Volkskunde einzelner deutscher Gaue. In Hessen hatten die historischen Vereine von Darmstadt und Kassel von Anfang an ihre Zeitschriften auch gelegentlich für volks- kundliche Aufsätze zur Verfügung gestellt; es lag nahe, bei dem neuerwachenden Interesse für Volkskunde deren Pflege auch jetzt wieder den Geschichtsvereinen anzuvertrauen. Es war ein Verdienst unfres Geheimerats Behaghel und des damaligen Vorsitzenden des Oberhessischen Geschichtsvereins Prof, Höhlbaum, 1897 die Begründung einerSektion für hessische Volkskunde innerhalb des genannten Vereins durchgesetzt zu haben. Behaghel hat dann auch sofort einen Aufruf und einenFragebogen zur hessischen Volks⸗ kunde verfaßt und verteilen lassen. Die Schriftleitung der als Organ der Sektion und Beilage desGießener Anzeigers von 18981901 herausgegebenenBlätter für hessische Volkskunde wurde dem Prof. Adolf Strack übertragen. Die erste Nummer brachte nach einem kurzen AufsatzAnsere Ziele noch einmal, wenig verändert, den Fragebogen. Als Probe für dessen Beantwortung veröffentlichte Behaghel einen Teil einer volkskundlichen Samm⸗ lung aus Großen⸗Linden in denMitteilungen des Oberhess. Geschichtsvereins VIII. Die damals besonders von der hessischen Schulbehörde empfohlene Beantwortung des Fragebogens durch Lehrer, Pfarrer, Studenten u. a. bildet den Grundstock des wert⸗ vollen volkskundlichen Archivs, das, von Dr. G. Koch sehr praktisch geordnet, in der Gießener Aniversitäts⸗Bibliothek aufgestellt ist. (Z. Zt. ist Frl. Bertha Kalbhenn Archivarin.) Aus ganz Hessen traten Mitglieder der volkskundlichen Sektion bei, so daß bald der Rahmen des Oberhessischen Geschichtsvereins für sie zu eng wurde. Adolf Strack und der klassische Philologe Albrecht Dieterich, der als Schüler Aseners großes Interesse für volkskundliche Studien hatte und im Sommersemester 1902 sogar eine Vorlesung über Die Volkskunde und ihre wissenschaftlichen Aufgaben im größten Hörsaal der Aniversität gehalten hat, waren die treibenden Kräfte für die Umbildung der Sektion in eine selbständige Gesellschaft. Der 25. Oktober 1901 ist der Geburtstag derHessischen Ver einigung für Volkskunde, und 1902 erschien der erste Band derHessischen Blätter für Volkskunde. Die Titeländerung zeigt schon, daß man sich nicht auf die Erforschung des hessischen Volks⸗ lebens allein beschränken wollte, sondern auch der allgemeinen Volkskunde dienen und durchvergleichende Volkskunde zu ver tiefter wissenschaftlicher Erkenntnis durchdringen wollte. Einen Stab glänzender Mitarbeiter hatte sich Adolf Strack für seine Zeitschrift zu werben verstanden, es seien nur einige genannt, die nicht mehr unter den Lebenden weilen oder längst außerhalb unseres Hessenlands neue Arbeitsfelder gefunden haben: Hermann Asener, Albr. Dieterich, Rich. Wünsch, Bruno Sauer, Paul Drews, Bernh. Kahle, H. F. Feilberg Erich Bethe, Walther Köhler, Karl Groos. Die Beigabe derVolks⸗ kundlichen Zeitschriftenschau, die Jahr für Jahr den Inhalt der Aufsätze zur antiken und modernen Volkskunde aus über 500 Zeit⸗ schriften kurz exzerpierte und so ein unentbehrliches Hilfsmittel für jede wissenschaftliche Arbeit auf volkskundlichem Gebiet wurde, trug natürlich auch dazu bei, den Nuf unsererBlätter weit über Hessens, ja Deutschlands Grenzen hinaus zu tragen. Strack hatte großes Organisationstalent, die Vereinigung brachte es unter seiner Leitung zu einer Mitgliederzahl von über 1100. Er erkannte die Notwendigkeit eines stärkeren Zusammenarbeitens aller volks⸗ kundlichen Gesellschaften und Museen zur Durchführung größerer wissenschaftlicher Aufgaben und rief daher 1904 denVerband deutscher Vereine für Volkskunde ins Leben, der ihn zum ersten Vorsitzenden erwählte. Viel zu früh für die volkskundliche Arbeit in Hessen und in Deutschland wurde er uns am 16. Juni 1906 durch den Tod entrissen. Die Vereinigung wählte darauf zum Vor⸗ sitzenden Pfarrer O. Schulte⸗Großen-Linden, der, obwohl oder wohl gerade weil er Rheinländer war, in seiner Amtstätigkeit im Vogelsberg zu einem der besten Kenner des oberhessischen Volks⸗ lebens geworden war und bereits zahlreiche feinsinnige Studien zur hessischen Volkskunde geliefert hatte; die Schriftleitung über⸗ nahm der Germanist Prof. Karl Helm, der es verstand, die

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Zeitschrift auf ihrer wissenschaftlichen Höhe zu erhalten. DieZeit schriftenschau mußte wegen der hohen Kosten aufgegeben werden. Es ist sonst eine Zeit ruhiger Weiterentwicklung der Vereinstätigkeit, aus der hier nur einiges genannt sei: die Herausgabe eines eingehenden Fragebogens überKinderlied und Kinderspiel, die einen sehr großen und wertvollen Zuwachs für unser Archiv zur Folge hatte, der Ankauf der handschriftlichen Sammlung hessischer Volkslieder von O. Böckel, die Aeberweisung des sehr wertvollen handschriftlichen Nachlasses des 1912 in Wohnbach verstorbenen Pfarrers J. Moser durch dessen Schwester an unser Archiv(die volkskundlichen Teile seiner Bibliothek konnten von der Aniversitätsbibliothek erworben werden), die Abschrift der hessischen Glockenbeschreibungen während des Krieges, die Abhaltung des Verbandstages der deutschen volks⸗ kundlichen Vereine in Gießen und Großen-Linden 1912, die Heraus- gabe derVolkskundlichen Bibliographie für 1911, vor allem aber die 1908 auf Antrag von Archivdirektor J. R. Dieterich von der Vereinigung in Verbindung mit dem Staatsarchiv über⸗ nommene Organisation einer systematischen Sammlung der hessischen Flurnamen als Grundlage für die Bearbeitung einesFlurnamen⸗ buchs des Volksstaats Hessen, von dem leider bisher erst zwei Hefte erscheinen konnten. Der Krieg und die für wissenschaftliche Vereine noch schwierigere Nachkriegszeit hat eine starke Einschrän⸗ kung der Arbeit zur Folge gehabt, das Scheiden des langjährigen treuen Leiters unsererBlätter Prof. Helm von Gießen und der Rücktritt des um die Vereinigung hochverdienten Vorsitzenden Schulte brachten neue Schwierigkeiten, die aber glücklich über⸗ wunden wurden. Anter dem Vorsitz von Studiendirektor Dr. Faber⸗ Friedberg ist die Mitgliederzahl wieder auf über 850 gestiegen, Anterstützungen durch die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft und durch Freunde unserer Sache im Ausland haben die Fort⸗ führung unserer Zeitschrift ermöglicht. Das von K. Wehrhan herausgegebene WerkSagen aus Hessen und Nassau(1922) wurde durch Leberlassung unveröffentlichten Materials aus unserem Archiv gefördert. Wir stehen in enger Verbindung mit dem deutschen Volksliedarchiv in Freiburg i. B. und demHessen-Nassauischen Wörterbuch in Marburg, denen wir alles einschlägige Material aus unseren Sammlungen zur Verfügung stellen. Die Vereinigung steht mit etwa 80 deutschen und ausländischen Vereinen und Redak tionen in Schriftenaustausch, deren wertvolle Veröffentlichungen in der Aniversitäts⸗Bibliothek auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden. An der Aniversität liest z. Zt. Professor . überDeutsches Rechtsleben in Sprache und Volks brauch.

Auch im Kurhessischen erwachte in derselben Zeit wie hier in Gießen neues Interesse an der Volkskunde. Rektor C. Heßler in Kassel verbreitete mit Anterstützung des dortigenVereins für Erdkunde einen Aufruf zum Sammeln. Die darauf eingegangenen Mitteilungen bilden die Grundlage des vorzüglich ausgestatteten und wenigstens als Materialsammlung sehr schätzenswerten zweiten Bandes der von Heßler herausgegebenenHessischen Landes- und Volkskunde. Auch der Verein für hessische Geschichte und Landes⸗ kunde setzte einenvolkskundlichen Ausschuß ein, dem neben General- major Eisentraut die Marburger Professoren Fr. Vogt und K. Wenk angehörten, und der 1905 einenFragebogen zur hessischen Volkskunde herausgab. DieHistorische Kommission für Hessen und Waldeck veröffentlichte 1905 Ferdinand Justis gelehrtes und mit den von ihm selbst gemalten Trachtenbildern prächtig aus- gestattetesHessisches Trachtenbuch, zu dessen Ergänzung man aber noch das im selben Jahr erschienene Werk von Hottenroth, Nassauische Volkstrachten, heranziehen muß(vgl. auch K. Spieß, Die deutschen Volkstrachten, 1911). Inzwischen ist auch in Marburg durch die unter Leitung von Prof. Wrede stehenden Vorarbeiten für dasHessen⸗Nassauische Wörterbuch ein neues Zentrum für die volkskundlichen Studien entstanden; einer der Mitarbeiter Wredes am deutschen Sprachatlas, Dr. Kurt Wagner, hat sich an der Marburger Aniversität für Volkskunde habilitiert.

Auch in Frankfurt a. M. besteht seit Jahren ein Ausschuß für Volkskunde, von dessen Tätigkeit mir allerdings noch wenig bekannt geworden ist. Aber an der dortigen Aniversität wirken z. Zt. zwei Germanisten, deren Namen einen sehr guten Klang in der Volkskunde haben, Hans Naumann und Adolf Spamer, sie halten beide auch volkskundliche Vorlesungen und Aebungen. Ebenfalls in Frankfurt wohnt der durch zahlreiche volkskundliche Arbeiten und als Mit⸗ herausgeber derZeitschrift des Vereins für rheinische und west⸗ fälische Volkskunde bekannte Rektor K. Wehrhan, der sich auch die hessisch⸗nassauische Volkskunde angelegen sein läßt. Sein Sagen⸗ buch wurde schon erwähnt.

Das Vordringen der modernen Bildung durch Schule und Zeitung, die fortschreitende Industrialisierung und die Entwicklung der Großstädte, vor allem der Krieg und seine Folgen zersetzen immer mehr unser Volksleben.(Schon vor dem Kriege sagte man im Gerauer Land: Die alten Regeln gelten nichts, die jungen Flegel glauben nichts.) Eine gesunde Gegenwirkung wird von verschiedenen Seiten aus versucht, ich nenne die bei uns in Hessen unter den Pfarrern erfolgreich werbende Dorfkirchenbewegung, die Pflege des alten Volksliedes in der Jugendbewegung, die Denkmalpflege, die doch allmählich das Verständnis für die Schönheit heimischer Bauweise weckt, den Heimatschulgedanken u.a. Zahlreiche Heimatzeitschriften, Gemeindeblätter und die heimatlich orientierten Beilagen mancher Zeitungen, auch die in der Heimat wurzelnde Erzählungslitecatur (Glaubrecht, A. Bock, V. Traudt u. a.) wecken Verständnis und