Aeberlieferungen zu heben und daraus Ergebnisse für die Kultur⸗ entwicklung unseres Volkes bis in prähistorische Zeit hinauf zu gewinnen, ist die eine Seite der volkskundlichen Arbeit; ebenso wichtig ist aber die andere, das heutige Volksleben, die Volksseele in ihrer Eigenart verstehen zu lernen und damit für alle Arbeit unter und an dem Volk erst die richtigen Vorbedingungen zu schaffen. Da leider über die Aufgaben wissenschaftlicher Volkskunde noch sehr unklare Vorstellungen herrschen, mußten diese kurzen allgemeinen Bemerkungen vorausgeschickt werden. Wer sich für diese grund⸗ sätzlichen Fragen interessiert, sei auf die als dafür grundlegend allgemein anerkannten Aufsätze von Ad. Strack, A. Dieterich, Hoffmann⸗Krayer, Mogk, Gg. Koch in denHessischen Blättern für Volkskunde, Mogk in denMitteilungen unseres Verbandes und auf Hans NaumannsPrimitive Gemeinschaftskultur verwiesen.

Der Kern unserer oberhessischen Bevölkerung wohnt schon länger als ein Jahrtausend in den alten chattischen Stammsitzen, dadurch ist unsere Heimat besonders reich an alten Leberlieferungen. Anderer- seits braucht man nur einen Blick auf die buntgescheckte Geschichts⸗ karte unseres Hessenlandes zu werfen, um sich darüber klar zu werden, wie vielerlei Einflüssen gerade dieses Gebiet im Lauf der Jahr⸗ hunderte ausgesetzt war, und es ist selbstverständlich, daß sich auch davon gar manches in den Volksanschauungen und Küberlieferungen niedergeschlagen hat. Die starken Verschiedenheiten in Boden⸗ gestaltung, Wirtschaftsbetrieb, Lebenshaltung, Konfession usw. kommen gewiß, auch wo der alte Hessenstamm noch geschlossen zu sammensitzt, in einer großen Vielgestaltigkeit der volkskundlichen Erscheinungen zum Ausdruck. Es gibt leider noch keine zusammen⸗ fassende Darstellung der hessischen Volkskunde.(Einer der besten Kenner unseres Volkes, der Hinterländer Pfarrer Karl Spieß, der es übernommen hatte, eine Hessische Volkskunde zu schreiben, ist leider vor der Ausführung seines Planes gestorben.) Aber manche wertvolle Vorarbeit ist schon geleistet worden, seit im Zeit⸗ alter und aus dem Geist der Nomantik heraus unsere größten hessischen Landsleute Jakob und Wilhelm Grimm die deutsche Volkskunde begründet haben. Sie selbst haben aus gedruckten und handschriftlichen Quellen und aus dem Volksmund besonders in ihrer hessischen Heimat Märchen, Sagen, Volkslieder, Sitten und Bräuche, religiöse und Rechtsaltertümer gesammelt und aufge⸗ zeichnet und auch ihre Freunde und Mitarbeiter für diese Arbeit zu begeistern gewußt. Ihre beiden klassischen Sammlungen, dieKinder⸗ und Hausmärchen und dieDeutschen Sagen sind in zahllosen Ausgaben zu Hausbüchern des deutschen Volkes geworden, sie sind und bleiben aber zugleich die klassischen Quellenwerke für diese Gebiete der wissenschaftlichen Volkskunde. In vielen Aufsätzen und Büchern haben sie den Grund gelegt für die volkskundliche Forschung, ich nenne hier nur den Anmerkungsband zu den Märchen, der bereits die vergleichende Märchenforschung anbahnte, Jak. Grimms Deutsche Rechtsaltertümer undDeutsche Mythologie. Wieder⸗ holt stoßen wir in J. Grimms Briefen und Schriften auf den Gedanken, das Sammeln der Volksüberlieferungen zu organisieren, so hat er 1811 mit den Herausgebern desWunderhorns Arnim und Brentano, der übrigens ein Frankfurter Kind war, den Plan einer besonderen Zeitschrift unter dem TitelAltdeutscher Sammler besprochen; während des Wiener Kongresses kam es sogar zu der Gründung einer Gesellschaft zur Sammlung der

Volksüberlieferungen, für die J. Grimm den Aufruf verfaßt hat.

In ganz Deutschland fanden das Beispiel der Brüder und ihre An⸗

regungen Widerhall, und in den folgenden Jahrzehnten, besonders in

den vierziger und fünfziger Jahren entstehen die großen klassischen

i der Volksüberlieferungen für die einzelnen deutschen aue.

Bei uns in Hessen war es vor allem der Verehrer J. Grimms und Schmellers Karl Weigand, der erste Germanist unserer Aniversität, der sich der volkskundlichen Studien annahm. Er sammelte selbst in seiner Wetterauer Heimat Märchen, Sagen, Volkserzählungen, Kinderreime, Nätsel usw., Segensformeln in alten Handschriften, er begann vor allem die Ausarbeitung eines Idiotikons der Wetterau, aus dem er vieles in sein bekanntes Deutsches Wörterbuch übernahm; auch die bereits von J. Grimm gepflegte hessische Ortsnamenforschung führte er weiter. Sein Wetterauer Landsmann und Jugendfreund Lorenz Diefenbach, der bekannte Sprachforscher, teilte sein Interesse für die Heimat- mundart und die Volksüberlieferungen, auch der Friedberger Hi⸗ storiker Phil. Dieffenbach hatte großes Verständnis für Wei⸗ gands in echter Heimatliebe wurzelnds Art: in seinemIn⸗ telligenzblatt sind viele kleine Aufsätze und Gedichte in Wetterauer Mundart von Weigand zuerst erschienen. In Marburg wirkte in derselben Zeit der Theologe A. F. E. Vilmar, der Ver fasser desIdiotikons von Kurhessen, in ähnlicher Weise anregend auf die Pflege der heimatlichen Aeberlieferungen. Einem Schüler Vilmars und Weigands W. Crecelius verdanken wir dasOberhessische Wörterbuch, das in der Hauptsache auf den Sammlungen Weigands, L. Diefenbachs, des Gießener Gymnasialprofessors Hainebach und des oberhessischen Pfarrers Theod. Biedewald beruht.

Besonders bedeutsam für die Entwicklung der volkskundlichen Studien in Hessen wurde die Lebersiedlung des begeisterten Ver⸗ ehrers der Brüder Grimm J. W. Wolf, eines geborenen Kölners, nach Hessen(1847), wo er nach seiner Verheiratung mit einer Tochter der hessischen Dichterin Luise von Plönnies in Darmstadt und bald

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darauf in Jugenheim seine zweite Heimat fand. Während er sich bis dahin hauptsächlich mit niederländischer Volkskunde beschäftigt hatte, warf er sich nun sofort mit Eifer auf die hessischen Aeber⸗ lieferungen, wobei er an seinem Schwager, dem Leutnant Wilhelm v. Plönnies, einen begeisterten Helfer fand. 1851 erschienen die Deutschen Hausmärchen, die er mit Plönnies bei dessen Soldaten und im Odenwald gesammelt hatte, 1853 dieHessischen Sagen, zu denen wiederum viele sein Schwager und außerdem Phil. Dieffen⸗ bach und Weigand, sowie auch die Theologen N. Oeser(Glaubrecht) und Thom. Stock beisteuerten. Er wurde der Begründer der ersten volkskundlichen Zeitschrift, derZeitschrift für deutsche Mythologie und Sittenkunde, die es leider nur auf vier Bände brachte. Von Hessen arbeiteten daran v. Plönnies, Weigand, Crecelius, M. Rieger, W. Sander mit; aus dem Nachlaß des ihm befreundeten Darmstädter Gymnasiallehrers Au gust Nod⸗ nagel, dessenHessenspiegel leider ungedruckt geblieben ist, veröffentlichte Wolf darin 17 hessische Sagen. Eine neue An⸗ regung kam in den Wolfschen Kreis, als der jugendliche, nachmals besonders durch seine Forschungen über Wald- und Feldkulte sehr berühmt gewordene W. Mannhardt mit ihm in Verbindung trat und sogar 1853 für mehrere Monate nach Jugenheim zog, um in täglichem fruchtbarstem Gedankenaustausch mit Wolf seine volkskundlichen Pläne zu vertiefen. Er berichtet, daß den Lieblings- gegenstand ihrer Besprechungen der Plan gebildet habe,durch die Gründung eines Vereinsfür Hebung und Ausbeute der ger⸗ manischen Volksüberlieferung die zerstreuten Schnitter auf dem Aehrenfelde der heimischen Mythologie noch fester zu verbinden. Es waren Grimmsche Gedanken, daß aus Märchen, Sagen und Bräuchen die altdeutsche Götter- und Heldensage wenigstens teil⸗ weise widergewonnen werden könne, auf denen Wolf in derselben unkritischen Weise wie gleichzeitig der Bonner Professor K. Simrock aufbauend unter Heranziehung der nordischen Mythologie die Volksüberlieferungen zurHerstellung unserer Mythen benutzen und ausbeuten zu dürfen glaubte. Den zweiten Band seiner hier zu nennendenBeiträge zur deutschen Mythologie hat nach seinem allzu frühen Tode(1855) noch W. Mannhardt veröffentlicht. In demselben Geiste arbeitete in Kurhessen Elard Mülhause (Die Arreligion des deutschen Volkes in hessischen Sitten, Sagen Nedensarten, Sprüchwörtern und Namen(1860) Die aus der Sagenzeit stammenden Gebräuche der Deutschen namentlich der Hessen(1867) Die aus dem deutschen Götterglauben herrührenden Bilder an den Häusern in der ehemaligen Provinz Oberhessen(1874).) And ich darf unbedenklich auch noch Hermann von Pfister (Sagen und Aberglaube aus Hessen, 1885; auch seineChattische Stammeskunde und die Nachträge zu Vilmars Idiotikon seien genannt) und Wilh. Kolbe(Hessische Volks⸗Sitten und Gebräuche im Lichte der heidnischen Vorzeit, 1886) dieser Schule anreihen, deren bedenkliche Forschungsergebnisse heute noch immer kritiklos in Heimatbüchern und Zeitungen weitergegeben werden,

Anspruchsloser, aber für uns noch heute sehr wertvoll ist das kurhessische Gegenstück zu Wolfs Sagensammlung: Karl Lynkers Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen, deren 1. Auflage im selben Jahr 1853 erschien, ferner Phil. Hoffmeister, Hessische Volksdichtung in Sagen und Märchen, Schwänken und Schnurren (1869); auch des oben schon einmal genannten Theod. Bindewald, Pfarrers in Groß⸗Eichen, reichhaltigesOberhessisches Sagenbuch (1873) mag hier angeschlossen werden.

Doch wir müssen noch einmal zurückkehren in die Mitte des Jahrhunderts. Der aus Viebrich gebürtige Kulturhistoriker Wilh. Heinr. Riehl hat 184446 an der Gießener Aniversität stu⸗ diert und auf seinen Wanderungen wie wenige auch unser Hessenland kennen gelernt. Trotzdem auch er in der Nomantik wurzelt, haben seine volkskundlichen Studien doch eine ganz andere Richtung wie die Wolfs und seiner Nachfolger. Sie galten der Erforschung der Gesetze des Volkslebens und des Charakters der deutschen Stämme und wollen damit der Gegenwart dienen. Wie schon der Titel seines WerkesLand und Leute zeigt, legt er bei seinernatur⸗ geschichtlichen Analyse des Volkslebens großen Wert auf die Erkenntnis der Bedingtheit eines Menschenschlags durch die land⸗ schaftlichen Verhältnisse. Die hessische Volkskunde verdankt ihm eine Reihe wertvoller Beiträge zur Charakteristik der Bevölkerung unseres Hessenlandes, so den Abschnitt über das Gerauer Land in seinemWanderbuch, über dasLand der armen Leute(Wester⸗ wald, Vogelsberg und Rhön) im 1. Band vonLand und Leute und sein BuchDie Pfälzer. Auf ihn geht übrigens der Gebrauch

des allerdings schon seit 1813 nachweisbaren WortesVolkskunde

für unsere Wissenschaft zurück.

Für ein Spezialgebiet der Volkskunde, das Volkslied, war die Tätigkeit Ludwig Erks von größter Bedeutung. In Wetzlar geboren, wuchs er in Dreieichenhain und Offenbach auf. Auch als er später Seminardirektor in Berlin war, kehrte er doch immer wieder gern in seinen Ferien nach dem Odenwald und der Landschaft Dreieich, die ihm zur Heimat geworden war, zurück, um Volkslieder⸗ texte und melodien zu sammeln. Für seine Bemühungen, den ganzen Volksliederschatz des deutschen Volkes zu bergen, fand er viele verständnisvolle Mitarbeiter, auch in Hessen, z. B. Wilhelm v. Plönnies und den bekannten Bürgermeister Köhler⸗Langsdorf, die ihm ihre Sammlungen zur Verfügung stellten. Trotz seiner zahl⸗ reichen Veröffentlichungen ist das gewaltige Material, das er zu⸗ sammengebracht hat sein Nachlaß umfaßt über 40 Bände! noch lange nicht für die Wissenschaft ausgebeutet. Die geplante Drucklegung

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