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Birkeland und Eyde, das von Pauling und das von Schönherr genannt. Schönherr, der hier in Gießen studierte und promovierte, hat sein Verfahren in der Badischen Anilin⸗ und Soda⸗Fabrik ausgearbeitet; es soll noch heute in Skandinavien Verwendung finden.
Die Verbrennung des Luftstickstoffs verlangt große Mengen elektrischer Energie, wie sie nur von natürlichen Wasserkräften geliefert werden. Daher hat sich die Luftsalpetersäure⸗Industrie nur in Ländern mit starken Wasserkräften gut entwickelt, in der Schweiz, in Tirol, Südfrankreich und vor allem in Skandinavien und Nordamerika. Die an Kalk gebundene, in Norwegen erzeugte Salpetersäure kommt als Düngemittel unter dem Namen„Norge⸗ salpeter“ in den Handel.
Aber wir Deutschen sind trotz des Fehlens von geeigneten Wasserkräften heute auch nicht mehr von Chile abhängig. Ostwald hat der Industrie gezeigt, daß es möglich ist, Ammoniak, welches uns ja bei der Destillation der Steinkohlen in reichlicher Menge als Nebenprodukt zufällt, zu Salvetersäure zu verbrennen. In Gegenwart von sog. Katalysatoren— es sind das Stoffe, welche die Wechselwirkung zwischen anderen Stoffen beschleunigen, ohne selbst verändert zu werden— verläuft die Verbrennung von Am⸗ moniak ohne Energiezufuhr von außen. Das ist natürlich gerade für das an Wasserkräften arme Deutschland sehr wichtig. Die aus dem Am⸗ moniak dargestellte Salpetersäure findet weitgehende Verwendung in der chemischen Industrie selbst, zur Herstellung von Spreng- und Farb⸗ stoffen, von Kunstseide und anderen wirtschaftlich wichtigen Stoffen.
Vor mehreren Jahren konnte Haber feststellen, daß man auch Stickstoff und Wasserstoff— beide stehen uns in jeder beliebigen Menge zur Verfügung, ersterer in der Luft, letzterer im Wasser— unter Druck von 200 Atmosphären bei etwa 600 Grad unter dem Einfluß von Katalypsatoren so miteinander vereinigen kann, daß die technische Darstellung von Ammoniak auf diesem Wege möglich ist. Die Habersche Erfindung— eine der bedeutendsten Erfindungen überhaupt!— ist in der Badischen Anilin⸗ und Soda⸗Fabrik unter der Leitung von Bosch technisch so ausgebaut und vervollkommnet worden, daß das sog.„synthetische Ammoniak“ mit dem aus Stein⸗ kohlen gewonnenen in Wettbewerb treten kann.
Im Stalldünger ist der größte Teil des Stickstoffs als Harnstoff
vorhanden, und fraglos dürfte die technische Herstellung des Harn⸗
stoffs aus den Elementen die idealste Lösung des Stickstoffproblems sein. Wirklich ist es der Badischen Anilin- und Soda⸗Fabrik vor einiger Zeit gelungen, künstlichen Harnstoff aus Ammoniak und Kohlensäure aufzubauen, und dieser Harnstoff kommt heute in den Handel. Bei den vielen Vorzügen, die der Harnstoff vor anderen Stickstoffdüngern hat, kann namentlich den Gartenfreunden seine Benutzung nur dringend empfohlen werden. Zu den künstlichen Stickstoffdüngern gehört auch der Kalkstickstoff, der durch Aberleiten von Stickstoff über erhitztes Kalziumkarbid gewonnen wird.
Aber die Chemiker haben sich nicht nur um die Erhöhung der Ernteerträge mit Erfolg bemüht, sie haben den Landwirten auch Mittel in die Hand gegeben, Saat und Ernte vor Schädlingen zu schützen; es seien hier nur die Saatbeizen Tillantin, Aspulun, Germisan und Segetan erwähnt, zu denen sich noch viele andere Mittel gesellen.
Auch die sog. landwirtschaftlichen Gewerbe, Zucker- und Stärke⸗ fabrikation, Brennerei und Brauerei, sowie die Molkereien haben großen Nutzen aus den chemischen Forschungsergebnissen gezogen. Wenn unsere Landwirtschaft in der Lage ist, uns mit Rübenzucker zu versorgen, so daß wir keinen Kolonialzucker mehr einzuführen brauchen, so haben hieran, bei aller Anerkennung für die erfolgreiche Tä⸗ tigkeit der Züchter, auch unsere Chemiker ein ganz erhebliches Verdienst.
Für die Entwicklung des Gärungsgewerbes unter dem Einfluß der Chemie nur ein Beispiel. Glyzerin konnte vor dem Kriege in größerer Menge nur aus den Fetten dargestellt werden. Infolge des Fettmangels traten im Kriege sehr bald Schwierigkeiten in der Versorgung unserer Fabriken mit Glyzerin ein. Dank der Antersuchungen Neubergs und seiner Mitarbeiter über die Chemie der Gärungsvorgänge gelang es Connstein und Lüdecke, durch Gärung von Zucker in Gegenwart von schwefligsauren Salzen Glyzerin in solcher Menge zu erzeugen, daß man der Schwierigkeiten Herr werden konnte.
Groß sind die Verdienste, die sich die Chemie um die leidenden Menschen erworben hat. Die Herstellung der wirksamen Stoffe von Heilpflanzen in reiner Form gestattete dem Arzte erst eine sichere Berechnung der für den beabsichtigten Zweck anzuwendenden Menge der Heilmittel. Zu diesen von der Natur gelieferten Arznei⸗ mitteln kamen zahlreiche künstliche, in den chemischen Fabriken her⸗ gestellte. Es sei nur an das von Liebig entdeckte Chloroform, ohne welches die moderne Chirurgie gar nicht denkbar wäre, an das Sulfonal, Antipyrin, Aspirin und Veronal, und wie sie alle heißen mögen, erinnert. Große wissenschaftliche Erfolge entsprangen aus der Wechselwirkung zwischen Chemie und Medizin. Dem Salvarsan Ehrlichs schließt sich das Germanin der Elberfelder Farbenfabriken von Fr. Bayer u. Co. in Leverkusen würdig an. Die Chemiker dieser Werke, Dr. Heymann, Dr. Kothe und Dr. Dressel, haben mit Anterstützung von Dr. Ossenbeck und Dr. Röhl in einer farblosen, den substantiven Baumwollfarbstoffen chemisch aber verwandten Ver⸗ bindung, dem„Bayer 205“, ein Mittel zur Bekämpfung von Trypanosomenerkrankungen gefunden. Das Mittel hat schon große Dienste geleistet. Es gelang damit, die in Thüringen unter den Pferden, wohl infolge des Krieges, ausgebrochene Beschälseuche erfolgreich zu bekämpfen, in Holl. Indien diente es zur Bekämpfung
der Surrah, in der Kirgisenrepublik zur Heilung der Kamelseuche,
und in Marokko wandten die Franzosen„Bayer 205“ mit Erfolg gegen die Trypanosomenerkrankung des Dromedars an. Auch in Südamerika ist man mit„Bayer 205“ erfolgreich der Pferdeseuche entgegengetreten. Die Erfolge mit dem Mittel sollen sogar einen
dankbaren Farmer in Paraguay zur Komposition eines„Bayer⸗205⸗
Tangos“ angeregt haben. Sicherlich ein ungewollter und eigenartigen
Erfolg der Erfinder! Aber auch bei Menschen hat sich„Bayer 205“ zur Bekämpfung
der Schlafkrankheit bewährt. Nachdem 1921 im Hamburger
Tropeninstitut ein von schwerer Schlafkrankheit befallener Engländer mit dem Mittel geheilt worden war, ging eine Expedition der Elber⸗ felder Farbenfabriken nach dem Innern Afrikas, um das Mittel in der Heimat der Schlafkrankheit zu prüfen. Es gelang, mehr als 200 Schlafkranke zu heilen.
Dieselben Deutschen, denen man in Versailles jede Befähigung zur Kolonisation abgesprochen hat, haben dem schwarzen Erdteil mit dem„Bayer 205“ oder, wie es nunmehr heißt, Germanin, die denkbar größte Wohltat erwiesen.
Wie die Heilmittelindustrie, so hat sich in Deutschland auch die Farbenindustrie zu ungeahnter Blüte entwickelt. Die früher nur von der Natur gelieferten Farbstoffe Alizarin und Indigo,
ersteres wurde aus der Wurzel des namentlich in Frankreich an⸗
gebauten Krapps, letzteres aus der in Asien angepflanzten Indigo⸗ pflanze gewonnen, werden heute künstlich hergestellt und haben die Naturprodukte ganz verdrängt. Es handelt sich bei dem künstlichen Alizarin und Indigo nicht etwa um Ersatzstoffe für die natürlichen Tarbstoffe, sondern die künstlichen Farbstoffe sind dieselben chemischen Verbindungen wie die in der Natur vorkommenden. Aber die
Chemie vermag viel mehr als die Natur; Farbstoffe von jedem
Tone, dazu noch von überraschender Echtheit, werden von unseren Fabriken erzeugt und geliefert.
Der Darstellung des künstlichen Indigos und Alizarins folgte die Darstellung des künstlichen Kautschuks und Kampfers. Indem die Chemie der Natur die Sorge um die Erzeugung dieser für das Leben nicht unbedingt notwendigen Stoffe abnahm und in den Fabriken auf einen kleinen Raum zusammendrängte, machte sie Grund und Boden frei zum Anbau von Feldfrüchten und damit zur Gewinnung von Nahrungsmitteln.
Bei der Zubereitung der Textilfasern und gewebe, bei der Veredlung von Baumwolle und Holzzellstoff(Herstellung von Kunstseide, Kunstroßhaar usw.), bei der Herstellung von Lederersatz, von Ersatzstoffen für Horn, Elfenbein und Bernstein, überall fühlt man die führende Hand des Chemikers. Auch von der frühzeitigen Vernichtung durch Mottenfraß wußte die Chemie wertvolle Ge⸗ spinnste und Gewebe zu bewahren; Imprägnieren von Tertilstoffen mit dem geruch⸗ und farblosen„Eulan“ der Elberfelder Farben⸗ fabriken hält die Kleidermotten von diesen fern. a
Den heute so großen Bedarf an Metallen deckt die Chemie durch Verbesserung der Methoden zu deren Gewinnung, wodurch früher schwer zugängliche Metalle wie Magnesium und Aluminium in fast jeder gewünschten Menge zur Verfügung stehen. Die Ent⸗ wicklung unserer Luftschiffahrt und unseres Flugwesens wäre ohne diese beiden Metalle gar nicht möglich gewesen. Durch die Herstellung zahlreicher Metallegierungen, zu denen man auch die neuzeitlichen Edelstähle rechnen kann, von denen die nicht rostenden der Firma Fr. Krupp besondere Aufmerksamkeit beanspruchen, wurde der Ver⸗ wendungsbereich vieler Metalle wesentlich erweitert.
Ansere hochentwickelte Industrie braucht Brennstoffe in unge⸗ ahnter Menge. Da wir in Deutschland durch das Versailler Diktat einen sehr großen Teil unserer Kohlenlager eingebüßt haben, so ist es für uns doppelte Pflicht, mit dem kostbaren Gute hauszuhalten. Am unsere Fabriken überhaupt im Gange zu halten, mußte zu den früher gelegentlich verschmähten Brennstoffen Braunkohle und Torf gegriffen werden. Zu deren Veredlung hat die Chemie gangbare Wege gewiesen. Auch das planlose Verfeuern und Verkoken unserer Steinkohlen muß aufhören. Hierbei gehen Stoffe verloren, die bei anderer Verwendung der Allgemeinheit größeren Nutzen bringen
können. Der Leiter des Kaiser⸗Wilhelm⸗Instituts für Kohlen⸗ forschung, Geheimrat Professor Dr. Franz Fischer, der ebenfalls in Gießen bei Geheimrat Elbs promoviert hat, hat sich mit Er⸗
folg um die Tieftemperaturverkokung der Steinkohlen, bei der der sog. Arteer entsteht, bemüht.
Die flüssigen Brennstoffe haben vor den festen viele Vorzüge, ihre Bedeutung als Treibmittel für Motore ist bekannt. Andere Länder verfügen über Erdölquellen, aus denen ihnen diese wichtigen Stoffe in reichlicher Menge zufließen. Durch Behandeln des als Mottenvertreibungsmittel bekannten(festen) Naphthalins mit Wasserstoff in Gegenwart von Nickel erhält man das flüssige Tetralin, welches mit Erfolg als Motorenbrennstoff benutzt wird. Auch aus Kohle kann unter bestimmten Bedingungen durch Behandeln mit Wasserstoff ein flüssiger Brennstoff hergestellt werden. And schließlich ist es Franz Fischer gemeinsam mit Tropsch jüngst gelungen, aus
dem durch Verbrennen von Kohle leicht zugänglichen Kohlenoxyd 1
mit Wasserstoff gleichfalls einen flüssigen Brennstoff darzustellen, der Synthol genannt wird, Auch Sprit kann heute erzeugt werden, ohne dabei die für unsere Ernährung so wichtigen stärkeführenden Getreidekörner und Kartoffeln zu verbrauchen. Kalk und Kohle verwandelt der elektrische Strom in Kalziumkarbid, das mit Wasser Kalk und Azetylen gibt. Dieses läßt sich über Azetaldehyd oder
Athylen in hier nicht näher anzugebender Weise in Alkohol überführen.


